Welt-in-Hannover.de Welt-in-Hannover.de Welt-in-Hannover.de Welt-in-Hannover.de
Mannigfaltig_Portrait

Vereinsportrait

"Selbstbehauptung jenseits von Gewalt und Rassismus"

Probleme von Jungen und Männern sind das Fachgebiet der Berater von mannigfaltig e. V. Besonders zentral sind dabei die Anliegen von Menschen mit "ausländischen Wurzeln".

  Konrad Boidol | 11.10.2018

Unterstützung von Jungen und Männern bei verschiedenen Problemlagen bietet mannigfaltig e.V. Mitten in der Innenstadt, an der Lavesstraße 3, befinden sich die Räume des Vereins. Gegründet wurde er um die Jahrtausendwende. Die Arbeit startete bereits Mitte der 1990er Jahre – damals noch als Zusammenschluss von Freiberuflern. Die Themen der Fachberatungsstelle sind unter anderem Grenzverletzungen, Gewalthandlungen, Opfererfahrungen, rassistische Ressentiments gegenüber männlichen Personen sowie Fragen zur sexuellen Orientierung.

Besonders häufig werden Kinder im Grundschulalter sowie Jugendliche in der Frühpubertät oder der Spätadoleszenz beraten. Auch junge Männer, die bei Themen wie Vaterschaft, Sexualität oder Nachsorge nach Gefängnisaufenthalten Hilfe brauchen, machen einen großen Anteil aus. Ein weiterer Bereich ist die Lebensberatung von älteren Männern zwischen 45 und 55 Jahren, beispielsweise für Langzeitarbeitslose, im Auftrag der Arbeitsagentur.

Ziel: Selbstbehauptung

Als Spezialbereich ist Männer- und Jungenarbeit stark nachgefragt. Dabei spricht Olaf Jantz, hauptamtlicher Mitarbeiter und Bildungsreferent für Jungen- und Männerarbeit, von konjunkturellen Schwankungen durch gesellschaftliche Entwicklungen. Beispielsweise nach den Amokläufen an Schulen, die von Jungen begangen wurden, dem Pisaschock 2003, bei dem männliche Schüler schlechte schulische Leistungen zeigten, und der derzeitigen Flüchtlingsfrage, bei der Männlichkeitsbilder der Zugewanderten in den Fokus rücken, werden die Fachleute von mannigfaltig kontaktiert. Die grundsätzliche Arbeit des Vereins ist jedoch immer die gleiche, egal welche Problemstellungen im Gesellschaftsdiskurs zentral sind: „Wie können sich Jungen und Männer innerlich behaupten, jenseits von Gewalt, Rassismus, Sexismus und all diesen Dingen“, so erklärt Jantz.

Dabei spiele auch immer um die Dekonstruktion von Männlichkeitsbildern eine Rolle. Sie seien als gesellschaftliche Zuschreibungen sozialen und politischen Wandlungen unterworfen: „Pink war eigentlich immer eine reine Männerfarbe – das hat sich erst um 1910 geändert“, so der Bildungsreferent. Auf praktischer Ebene heißt das: „Jeder Junge und jeder Mann muss seine Männlichkeit alltäglich wieder herstellen. Sie ist nicht gottgegeben da.“

Das Ziel ist es, den Jungen und Männern ihre Optionsvielfalt und Alternativen zu sozial unverträglichen Männlichkeitsbildern aufzuzeigen: „Viele Jungs malen zum Beispiel gerne, verheimlichen es aber in der Schule, weil es nicht ins Männlichkeitsbild passt“, so Jantz. Andere könnten ihre Vorlieben jedoch offen zur Schau stellen, ohne von ihrem Umfeld abgewertet zu werden. Dann werde analysiert, welche Faktoren es diesen Persönlichkeiten ermöglichen, aus dem Muster auszubrechen, und inwieweit die erfolgreichen Lebenskonzepte auch andere Jungen und Männern nutzen können.

Unterstützung auf Anfrage

Der Verein bietet seine Unterstützung auf Anfrage an. So gibt es eine offene Sprechzeit, in der Männer mit Beratungsbedarf einfach vorbeikommen. In vielen Fällen vermitteln auch Lehrer, Familienhelfer oder Sozialarbeiter Kinder und Jugendliche an mannigfaltig. Neben Einzelberatungen veranstaltet der Verein zudem viele Gruppen- und Kursangebote, die auf Anfrage von Institutionen wie Schulen oder Jugendeinrichtungen in den dortigen Räumen durchführt werden. Offen ausgeschriebene Selbstbehauptungskurse für alle Interessierten bietet die Fachberatungsstelle ebenfalls an.

Zentrales Thema: Gewalt

70 Prozent der Arbeit bei mannigfaltig behandelt das Thema Gewalt: „Dann werden Lehrer und Lehrerinnen aufmerksam“, sagt Jantz. Wenn Jungen mit Problemen hingegen an der Schule nicht stören oder auffallen, bekämen sie nur sehr selten Unterstützung, kritisiert er. Bei grenzverletzenden Handlungen heißt das Ziel der Berater, Jungen ein gutes Selbstwertgefühl zu vermitteln. „Dann haben sie es nicht nötig, sich auf Kosten anderer Selbstbewusstsein aufzubauen und Grenzen ständig zu verletzen“, erklärt der Fachreferent. Nicht nur Täter werden bei mannigfaltig beraten. Die Beratungsstelle unterstützt ebenso Gewalt- oder Mobbing-Opfer.

Migrationsvordergrund

Ein sehr großer Teil der Jungen und Männer, die bei mannigfaltig beraten werden, haben laut Jantz einen „Migrationsvordergrund“. Dabei handelt es sich um Menschen, denen ihre Herkunft, beispielsweise aus dem arabischen oder türkischen Raum, angesehen werden kann. Dies betrifft auch Personen, die laut Statistik gar keinen Migrationshintergrund mehr haben – beispielsweise weil ihre Großeltern eingewandert sind. Sie werden aber in der Bevölkerung immer noch als Migranten wahrgenommen. „Das ist für unsere Arbeit noch viel wichtiger, da sie Zuschreibungen erfahren, Handlungsspielräume bekommen oder eben nicht bekommen“, sagt Jantz. Beispiel: Bei Tötungen innerhalb einer Beziehung wird bei der Analyse angesichts eines Tatverdächtigen mit Migrationsvordergrund schnell ein Ehrenmord vermutet und die Kultur betont. Bei Menschen ohne diese Zuschreibung wird in ähnlich gelagerten Fällen von Beziehungs- oder Ehedramen gesprochen.

In Projekten in Berufseinstiegsklassen überwiege der Anteil an Jugendlichen mit Migrationsvordergrund oder Fluchterfahrung. „Die Berufsschulen sind oft ein Sammelbecken für Jungs, die aus der Gesellschaft rausfallen“, erklärt der Pädagoge. Das Problem dort sei oft, dass die Jugendlichen Grenzen des Respekts nicht einhalten könnten oder den Sinn des schulischen Lernens für den weiteren Karriereweg nicht einsähen. „Oft sind die Erwartungen an das, was sie erreichen wollen, extrem hoch, aber die Ressourcen extrem gering - da braucht es Unterstützung“, so Jantz.

Heimat definieren

Doch nicht nur das Verhalten und Seelenleben der Männer und Jugendlichen spielt bei mannigfaltig eine Rolle. Die Gestaltung des Umfelds, beispielsweise von gefährdeten Jugendlichen, wird ebenfalls bearbeitet. Im vergangenen Jahr wurde ein Projekt zum Thema Heimat gemacht: „Ich glaube, dass es sehr wichtig ist, eine positive Sprache zu finden, um Begriffe wie Herkunft positiv zu besetzen und sie von ideologischen Themen zu befreien“, erklärt Jantz. Es gebe bestimmte Orte, wo es egal sei, aus welchem Teil der Welt die Menschen stammen. „Wir gehen mit den Jungen raus und schauen: was sind die relevanten Orte für sie und was wünschen sie sich dort“, beschreibt er das Vorgehen. Dabei geht es immer auch um Einfluss auf kommunalpolitische Entscheidungen, beispielsweise in Bezug auf neue Freizeitangebote. So sollen die Jungen erkennen, dass sie aktiv gesellschaftliche Veränderungen bewirken können.

Welt-in-Hannover.de bedankt sich herzlich für die tolle Unterstützung bei den vielen ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern, sowie zahlreichen Organisationen und hofft auf weitere gute Zusammenarbeit.

Schirmherrin des Projekts Welt-in-Hannover.de ist Frau Doris Schröder-Köpf, Landesbeauftragte für Migration und Teilhabe.

kargah e. V. - Verein für interkulturelle Kommunikation, Migrations- und Flüchtlingsarbeit    Kulturzentrum Faust e. V.    Landeshauptstadt Hannover