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Ausstellungsobjekt: The best of all possible Worlds

KunstFestSpiele Herrenhausen

Dialog der scheinbaren Gegensätze

Das Festival vom 18. Mai bis 3. Juni bietet internationale Kunst vom Feinsten. Es gibt auch kostenlose Angebote, Hingehen lohnt sich!

  Jürgen Castendyk | 30.05.2018

Das Spiegelzelt als Festivalzentrum - kostenlos zu besuchen

Die Freitagsküche aus Frankfurt begleitet alle Besucher der Festspiele und der Gärten. Tagsüber als Café und Kantine, abends als Bar und Restaurant ist das Spiegelzelt vom Vormittag bis nachts geöffnet - bis zum Abschluss des Festivals am 3. Juni. Nach den Vorstellungen kann man an sieben Tagen bei den Tischgesprächen ungezwungen mit den Künstler*innen ins Gespräch kommen. Für das kostenpflichtige Dinner muss man sich anmelden. An den Abenden ohne Tischgespräche bietet der Lindener Club Feinkost Lampe ein eigenes Musikprogramm. Die Konzerte sind kostenlos zu besuchen. Das Programm finden Sie hier.

Nach den hoffnungsfrohen Worten des Oberbürgermeisters Stefan Schostok und des Intendanten des Festivals, Ingo Metzmacher, wurde die KunstFestSpiele eröffnet mit einer glühendroten Installation von Tim Etchells.

„The best of all possible worlds“

Dass wir in der „besten aller möglichen Welten leben“, war im 17. Jahrhundert eine umstrittene These des Philosophen und Mathematikers Gottfried Wilhelm Leibniz. Als großformatige rote Neon-Erklärung hat der englische Künstler Tim Etchells die englische Version der These kühn im gläsernen Arne Jacobson Foyer installiert. Innen geht man auf Ohrenhöhe durch einen Korridor von Lautsprechern. Die These von Leibniz wird in sprachlich-musikalischen Zwiegesprächen vielstimmig mit „Yes“ und „No“ kommentiert. Die Licht- und Toninstallation Best of All / What can kann noch bis zum 3. Juni in der Zeit von 11.00 bis 24.00 Uhr kostenlos besucht werden. Zu empfehlen ist ein Besuch bei Dunkelheit.

Performance: Lecture on Nothing - Musik aus Worten von John Cage
John Cage / Robert Wilson - Lecture on Nothing (Foto © Lucie Jansch)
Performance: Lecture on Nothing - Musik aus Worten von John Cage
John Cage / Robert Wilson - Lecture on Nothing (Foto © Lucie Jansch)

Lecture on Nothing - Musik aus Worten von John Cage

Der Eröffnungsabend war zugleich ein erster Höhepunkt des Festivals. Auf der Bühne der Orangerie war die amerikanische Theaterlegende Robert Wilson mit einer szenischen Performance zu erleben. Die Bühne in Weiß, Textfahnen weiß mit schwarzer handgemalter Schrift, der Akteur weiß angezogen, das Gesicht weiß geschminkt. Die Mimik und Gestik von Wilson waren betont minimalistisch gehalten. Er las den Text von Cage in englischer Sprache aus einem umfangreichen Buch, den Text Blatt für Blatt wie eine Partitur in die Hand nehmend. Die magische Wirkung der Lesung entstand allein durch die Betonung der Worte, ihre Wiederholungen, die Tempi und die Struktur der unterschiedlich langen Pausen. Eine grandiose Hommage für John Cage, der musikalische Klänge und Geräusche als gleichwertig ansah.

Ausstellungsobjekt: When Elephants Fight, It Is the Frogs that Suffer
Benjamin Patterson - When Elephants Fight, It Is the Frogs that Suffer (Foto © Estate Ben Patterson Hamburg)
Ausstellungsobjekt: When Elephants Fight, It Is the Frogs that Suffer
Benjamin Patterson - When Elephants Fight, It Is the Frogs that Suffer (Foto © Estate Ben Patterson Hamburg)

„When Elephants Fight, It Is the Frogs that Suffer.“ Wenn Elefanten kämpfen, sind es die Frösche, die leiden

Das erste Mal wird die botanische Idylle des Berggartens als Spielort in die KunstFestSpiele einbezogen. Im Abschnitt mit dem vielversprechenden Namen „Paradies“ sind die Stars der Klanginstallation des US-amerikanischen Fluxuskünstlers Benjamin Patterson die Frösche. Inmitten eines Blumenmeers ertönt aus unsichtbaren Lautsprechern ein vielstimmiger Chor von nachgeahmten Fröschen. Hinzu kommen verschiedene Farben menschlicher Stimmen. Sie erzählen von philosophischen Weisheiten aus „Die Frösche“ von Aristophanes und dem Froschkönig-Märchen der Gebrüder Grimm. Es entsteht ein dichter Klangteppich, der auch ohne Übersetzung heiter zu genießen ist. Bis zum 3. Juni kann man der Klanginstallation zuhören. Die Kosten beschränken sich auf den Eintritt in den Berggarten.

Ausstellungsobjekt: This is here and that there
Vlatka Horat - This Here and That Here - Herrenhausen Quartet (Foto © Helge Krückeberg)
Ausstellungsobjekt: This is here and that there
Vlatka Horat - This Here and That Here - Herrenhausen Quartet (Foto © Helge Krückeberg)

„This Here and That There“ - eine Marathon-Performance mit 200 Stühlen

An drei Tagen bespielte die in Kroatien geborene Künstlerin Vlatka Horvat die vier Schwanenteiche im Großen Garten. In einer künstlerischen Sisyphusarbeit stapelten und ordneten Horvat und ihre drei Mitarbeiterinnen die Stühle mit weißen Kunststoffschalen und verchromten Füßen. In täglich achtstündigen Ritualen entwickelten sie in jedem Teich mal streng geometrische und mal chaotische Arrangements. Wer sich die Zeit nahm, sah erkennbare Szenerien und abstrakte Figuren, die sich einer eindeutigen Interpretation entzogen. Mit der Eintrittskarte in den Großen Garten konnte man den ästhetischen Wandel erleben.

Zwei Identitäten einer arabischen Sängerin - von ihr gleichzeitig dargestellt

Das junge Mädchen Rima Kamel aus dem Libanon war einst ein gefeierter Kinderstar in der arabischen Welt. Ohne ihren Einfluss erhielt sie diesen Künstlernamen. Eigentlich heißt sie Rima Khcheich. Die inszenierte Performance war ein Dialog zwischen der heutigen Künstlerin und ihrem Alter Ego, Rima Kamel. Die Emanzipationsgeschichte von Rima Khcheich ist eng verbunden mit den Auswirkungen der Bürgerkriege in ihrer Heimat. Heute singt sie freie Interpretationen traditioneller arabischer Lieder und begleitet sich mit ihrer Oud. Überzeugend.

Die KunstFestSpiele brauchen verschiedene Highlights

Das Requiem von Hector Berlioz erlebte mit seinem großen Aufgebot an Mitwirkenden unter Leitung von Ingo Metzmacher seine Erstaufführung in Hannover. In Kooperation mit dem NDR musizierten am 27. Mai im Kuppelsaal die Radiophilharmonie des Senders, das Orchester der Musikhochschule und neun Chöre aus Hannover. Das monumentale Werk des französischen Komponisten Berlioz (1803 bis 1869) erinnert an die Gefallenen der Julirevolution von 1830. Die eindrucksvolle Wirkung des Werkes entsteht durch die imposanten Raumklangeffekte. Vier Gruppen von Bläsern und Pauken waren zwischen den Zuhörern platziert. Metzmacher gelang eine grandiose Aufführung, die von NDR Kultur live ausgestrahlt wurde. Nachzuhören ist das Konzert über NDR.de/Mediathek (Hörfunk).

Nicht nur große Orchesterwerke kamen zu Aufführung. Das großartige belgische A-Cappella-Ensemble graindelalavoix brachte in der Marktkirche das Werk Tenebrae Responsoria des Renaissance-Komponisten Carlo Gesualdo zur Aufführung. Der gesamte Zyklus war für die Gottesdienste in der Karwoche bestimmt. Dauer: vier Stunden - mit zwei Pausen. Ein Kammermusikalischer Höhepunkt war das exzellente Humboldt Trio mit Werken von Arnold Schönberg und Wolfgang Rihm. Gleich danach trat in einem zweiten Konzert in der Galerie die kanadische Sängerin und Violinisten Sarah Neufeld auf. Eine immer etwas heisere Geige lieferte motivische Mikromuster, die Neufeld nach Art der Minimal Musik übereinander schichtete.

KunstFestSpiele 2018 als das Beste aller möglichen Festivals in Hannover?

Auf jeden Fall war bzw. ist das Programm nicht nur anregend, sondern aufregend. Die sprühende Kreativität des Intendanten Metzmacher und die künstlerische Kompetenz seines Teams, insbesondere des Dramaturgen Stephan Buchberger, ermöglichten ein Programm, in dem vielfältige künstlerische Positionen zur Geltung kamen, die üblicherweise in Hannover nicht zu sehen und zu hören sind. Deswegen sind weitere KunstFestSpiele in Herrenhausen für das kulturelle Leben der Landeshauptstadt bereichernd. Unverzichtbar sind sie für die geplante Bewerbung Hannovers als Europäische Kulturhauptstadt 2025.

Nachsatz: Hochkultur - zu elitär und zu teuer?

Mitnichten. Ist die Klasische Moderne und zeitgenössische Musik, unter Einschluss von Videokunst und Performances, generell elitär, nur weil sie kein Massenpublikum anzieht? Wohl kaum. Die Karten für das Schauspiel und die Oper sind eher kostspieliger. Sollen die Häuser deshalb entsorgt werden? Und was ist mit den Pop-Konzerten von internationalen Stars in der Swiss-Hall? Da werden Unsummen für Karten ausgegeben.

Titelbild: Tim Etchells - Best of All / What Can (Foto © Helge Krückeberg)

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Schirmherrin des Projekts Welt-in-Hannover.de ist Frau Doris Schröder-Köpf, Landesbeauftragte für Migration und Teilhabe.

kargah e. V. - Verein für interkulturelle Kommunikation, Migrations- und Flüchtlingsarbeit    Kulturzentrum Faust e. V.    Landeshauptstadt Hannover