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Adas Raum_Buchcover

Buchrezension

"Adas Raum" von Sharon Dodua Otoo

Sharen Dodua Otoos erster Roman: Adas Raum - großartig!

  Jürgen Castendyk | 30.11.2021

Geboren wurde die Autorin 1972 in London. Die Eltern waren aus Ghana eingewandert. Anfang der Neunzigerjahre ist Sharen Otoo als britisches Aupair nach Hannover gekommen, hat einige Monate in einem Café gekellnert und Deutsch gelernt. Später begann sie, in London Germanistik zu studieren. Otoo ist Herausgeberin der englisch-sprachigen Buchreihe „Witnesses“ in der „edition assamblage“. Seit 2006 lebt sie mit ihren vier Kindern in Berlin und hat die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen. Mit der Erzählung „Herr Gröttrup setzt sich hin“ gewann Otoo 2016 den Ingeborg-Bachmann-Preis. „Adas Raum“, ist Otoos erster Roman, 2021 erschienen und war einige Zeit auf der Bestsellerliste des Spiegel vertreten.

Ada ist nicht eine Frau, Ada sind vier Frauen.

Die Geschichte der Adas umfasst mehrere Jahrhunderte. Ihr Weg geht über viele Stationen und berührt die verschiedensten Lebenswelten: Im ersten Teil des Romans ist Ada im Jahr 1459 eine Mutter in einem Dorf an der westafrikanischen Küste. Dort erlebt sie den Beginn der Kolonialisierung durch die Portugiesen. Im Jahr 1848 beschäftigt sich die adelige und verheiratete Ada mit Mathematik. Sie hat Spielschulden und ist die Geliebte des eitlen Dichters Charles Dickens. Aus Eifersucht wird Ada von ihrem Ehemann erschossen. Im Jahr 1945 landet sie als Zwangsprostituierte im KZ Nordhausen-Dora. Bei einem Fluchtversuch wird sie von der SS getötet. Als schwangere Schwarze sucht Ada 2019 in Berlin verzweifelt einer eigene Wohnung. Rassistisch begründete Ablehnungen bestimmen den zweiten Teil des Romans. Ada ist alltäglichen Rassismus gewohnt, aber er schmerzt sie aber immer wieder.

Die wechselvollen Schicksale von Ada haben auch Kontiguitäten. Es ist vor allem der von ihrer afrikanischen Mutter vererbte Armreif mit 37 wertvollen Perlen. Von einem Portugiesen wird er das erste Mal gestohlen und spielt in den weiteren Jahrhunderten eine wiederkehrende Rolle. Eine Konstante ist ebenso die Zahl 37.

Die verschiedenen Leben von Ada werden in Schleifen miteinander verwoben.

Als Ada als afrikanische Mutter zum zweiten Mal einem ihrer Babies nach wenigen Tagen beim Sterben zusieht, erfolgt kein Aufschrei. „Für die Aufbahrung hatte Naa Lamiley draußen auf dem mondhellen Hof eine winzige Unterlage aus Palmblättern vorbereitet. Sie legte ein weißes Tüchlein dazu. Es gab kein Grab. Der Junge hatte noch nicht einmal einen Namen, war er doch erst fünf Tage alt. Aber immerhin ist er länger geblieben, als mein erstes Kind. Auch ein Junge. Direkt nach der Geburt hatte er seine Augen aufgemacht, sich umgeschaut, und offenbar missfiel ihm das, was er sah.“ So erzählt es Ada lakonisch am Beginn des Romans.

Als Ada in das KZ eingeliefert wurde, tötete ein SS-Offizier ihr Baby. Begründung: Es gäbe keine Milch für die Säuglinge. Die Prostituierten lebten in der Baracke Nummer 37 mit Wasser im Zimmer. Sie mussten nicht, wie die anderen Gefangenen, in gestreifter Häftlingskleidung in den unterirdischen Stollen arbeiten. Ada behielt ihre eigene Kleidung und die Unterwäsche wurde regelmäßig gewaschen. Vor allem aber, sie musste nicht hungern. Aber wie bei allen Gefangenen, wurde ihnen eine Zahl eintätowiert, als Prostituierte eine mit sechs Ziffern. Der Sex mit den Kapos, den privilegierten Aufsehern, wird von Ada mit der Zeit als gegeben hingenommen und gefühllos erledigt. Bei den regelmäßigen Hinrichtungen sah sie die Täter. „Als nach der Hinrichtung die weiblichen Sechstelligen den Appellplatz überquerten, beobachtete ich die Gruppe heiterer SS-Offiziere, die noch neben den Galgen standen. Einer mit Tränen klopfte dem Mann zu seiner Linken auf den Rücken. Die beiden nahmen die Erhängten, wenn überhaupt, nur als Kulisse wahr. Das manche Gestreifte noch immer mit den Armen und Beinen fuchtelten, störte die Lachenden beim Witzeerzählen nicht. Der Ada am nächsten stehende Offizier ähnelte dem Mörder ihres Babys so sehr, dass Ada später nachmittags das Essen wieder im Halse stecken blieb.“

Für Ada ist der Tod nichts Endgültiges

„Die Zeit war gekommen, um Ada daran zu erinnern, dass alle Wesen - vergangene, gegenwärtige und zukünftige - in Verbindung miteinander sind, dass wir immer waren und immer sein werden.“ Diese Lebensphilosophie erklärt die Schleifen in der Schreibweise von Otoo. Ada stirbt zwar in den einzelnen Erzählungen, kommt aber nach Jahrhunderten als selbständige Frau wieder kraftvoll in das Leben zurück. Otoos Art, persönliches und historisches Leid ungezwungen und vielschichtig zu erzählen, macht aus Adas Raum ein literarisches Abenteuer. Empfehlenswert.

Info: Sharon Dodua Otoo: Adas Raum, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2021, ISBN 978-3103973150, 277 Seiten, Preis 22,- €.

Von der Lesung mit Otoo im Juni dieses Jahres gibt es vom Literarischen Salon der Leibniz-Universität ein Video auf Youtube.

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