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Queer

Prisma Queer Migrants

„Für noch mehr gelebte Vielfalt sorgen“

Spannender Online-Bürger*innen-Dialog des MiSO Netzwerk Hannover / BV NeMO und Prisma Queer Migrants e. V. mit ca. 40 Teilnehmenden.

  Claudia Ermel | 01.11.2021

Das MiSO Netzwerk Hannover organisierte am 13. Oktober 2021 im Rahmen des BV NeMO Projekts „wir sind viele – gegen Rassismus und Diskriminierung“ in Kooperation mit Prisma Queer Migrants einem digitalen Bürger*innen-Dialog „Queeres Leben in Hannover für Black, Indigenous, People of Color (BIPoC) und Menschen mit Fluchtgeschichte.

Severine Jean von BV NeMO (Bundesverband Netzwerke Migrant*innenorganisationen) moderierte diese ausgesprochen lebhafte und engagierte Online-Gesprächsrunde. Die Teilnehmenden aus Politik und Verwaltung, Migrant*innenorganisationen und mehrere Protagonist*innen aus der LGBTIQ-Community, fanden für drei Stunden virtuell zusammen, um sich über Safe Spaces, die Relevanz von Mehrfachdiskriminierung, Strategien der Sensibilisierung und insbesondere über Möglichkeiten der Vernetzung auszutauschen.

Neben zahlreichen Redebeiträgen der unterschiedlichsten Teilnehmenden diskutierten Kadir Özdemir von Prisma Queer Migrants, Maximilian Horn - Beauftragter für sexuelle und geschlechtliche Vielfalt der Landeshauptstadt Hannover, Matthias R. Zyzik - Fachbereich Soziales-Migration und Integration-Integrationsmanagement für Flüchtlingsunterkünfte der Landeshauptstadt Hannover, Dr. Maxi Ines Carl, Ratsfrau und Sprecherin des Gleichstellungsausschusses und Meike Dalhoff, kargah e.V., Flüchtlingsbüro und Beratungsstelle für Migrant*innen und Flüchtlinge. Es ging um "Save Spaces", Schutzräume in einer postmigrantischen Gesellschaft, besonders vulnerable Mitglieder der Vielfaltsgesellschaft, Intersektionalität (Gleichzeitigkeit von verschiedenen Diskriminierungskategorien gegenüber einer Person) und Rassismus innerhalb der verschiedensten Communities, um Empowerment und bessere Vernetzung unter den einzelnen Beratungsstellen.

Ohne Verteidigung der Rechte der Minderheiten kann eine Demokratie nicht funktionieren

In seiner Rede zur Begrüßung erklärte Dr. Peyman Javaher-Haghighi, MiSO-Vorstand und BV NeMO-Vorstandsmitglied, dass bisher Intersektionalität / Mehrfachdiskriminierung von den Migrant*innenorganisationen leider noch zu sehr vernachlässigt wurden. Er betonte, dass gerade die herkunfts- und kulturübergreifend agierenden Migrant*innenorganisationen Vielfalt praktizieren, die Rechte von Minderheiten verteidigen und sich auch dafür einsetzen. Die Problematik queerer Menschen mit Migrationsgeschichte sei bisher noch zu wenig innerhalb des MiSO-Netzwerkes thematisiert worden. Doch die heutige Veranstaltung sehe er als Auftakt für die Zukunft. „Innerhalb von Migrant*innenorganisation sollten auch Tabuthemen wie die unterschiedliche sexuelle Orientierung immer wieder diskutiert werden,“ sagte Javaher-Haghighi, „es geht darum, jeden Menschen zu akzeptieren, Demokratie zu leben. Ohne Verteidigung der Rechte der Minderheiten kann eine Demokratie nicht funktionieren. Jede Demokratie muss sich daran messen, ob sie die Rechte der Minderheiten genauso gut verteidigt und diese Rechte dann auch etabliert werden, wie jene der Mehrheit.“

Videoveranstaltung
Videoveranstaltung

Kadir Özdemir von Prisma Queer Migrants erzählte dann gleich zum Einstieg, warum die Gründung dieser Initiative vor drei Jahren ein wichtiger Schritt für ein gerechteres Miteinander gewesen ist. Kadir erläuterte die Notwendigkeit von „Save Spaces“ und der Sensibilisierung von Mitarbeiter*innen verschiedener Institutionen, Behörden und Einrichtungen für Intersektionalität /Mehrfachdiskriminierung.

„Wir können uns nicht aufteilen. Wir können nicht 'nur' queer sein.“ Kadir erklärte, dass Mehrfachidentitäten oft nicht berücksichtigt werden, weil meistens grundsätzlich nach 'einer' anzuwendenden Zuschreibung gesucht wird. Dies führe oft zu einem Hin-und Hergeschiebe von queeren Personen.

Strukturelle Diskriminierung beenden

Zwar drehten sich die Gespräche überwiegend um Geflüchte, doch höre der Beratungsbedarf nicht mit der Anerkennung auf, betonte Maximilian Horn. Auch für eine Beratung und Begleitung von migrantischen Queers, die bereits länger hier leben, sollte gesorgt werden. Alle waren sich einig, dass nicht ausschließlich queere Geflüchtete Beratungsbedarf haben, vielmehr besteht bei Queers mit Migrationsgeschichte per se Intersektionalität und damit verstärkte Vulnerabilität.

Das Thema "Save Spaces" wurde im Laufe der Diskussionen ebenfalls immer wieder aufgegriffen. Über sichere Räume und eine notwendige Sensibilisierung von Berater*innen queerer Personen oder Projekte wurde dann durchaus kontrovers diskutiert. Während die Wichtigkeit beider Maßnahmen von allen gesehen wurde, wurde die Sinnhaftigkeit mancher praktizierter Modelle hinterfragt.

Der wichtigste Sinn und Tenor der gesamten Veranstaltung war aber: „Wir alle (die einzelnen Organisationen und Protagonist*innen) stehen nicht in Konkurrenz zueinander, sondern es geht darum, dass wir uns kontinuierlich austauschen und besser informiert sind, wen wir für welche Anfragen und Belange kontakten können.“ Mit diesen Worten formulierte Severine zum Ende der Gesprächsrunde das Hauptanliegen von MiSO e.V. und dem NeMO-Netzwerk.

Für Prisma Queer Migrants könnte dieser Online-Bürger*innen-Dialog endlich zu einer erfreulichen Entwicklung führen. Die lange erhoffte Finanzierung des Projekts könnte endlich klappen, nachdem mehrere Personen aus Politik und Verwaltung nach möglichen Lösungen suchen wollen. Außerdem entstand die Idee, ein gemeinsames Strategiepapier über die wichtigsten Anliegen queerer Migrant*innen durch NeMO zu veröffentlichen.

In Zukunft sind weitere ähnliche Gesprächsrunden geplant

Der erste Austausch in dieser Art soll der Beginn einer näheren Kooperation zwischen MSO, queeren Organisationen, Politik und Verwaltung sein. Weitere Netzwerktreffen sollen regelmäßig stattfinden. "Maxi Carl, SPD Ratsfrau, konnte seitens der Politik viele wichtige Punkte mitnehmen und soll enger mit Prisma Queer Migrants in Kontakt sein.“ Zitat aus dem entsprechenden Beitrag auf der MiSO-Webseite. Die Videoaufzeichnung des gut dreistündigen Gesprächs kann auf YouTube aufgerufen werden. Schaut ruhig mal rein, es lohnt sich.

Welt-in-Hannover.de bedankt sich herzlich für die tolle Unterstützung bei den vielen ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern, sowie zahlreichen Organisationen und hofft auf weitere gute Zusammenarbeit.

Schirmherrin des Projekts Welt-in-Hannover.de ist Frau Doris Schröder-Köpf, Landesbeauftragte für Migration und Teilhabe.

kargah e. V. - Verein für interkulturelle Kommunikation, Migrations- und Flüchtlingsarbeit    Kulturzentrum Faust e. V.    Landeshauptstadt Hannover