Welt-in-Hannover.de Welt-in-Hannover.de Welt-in-Hannover.de Welt-in-Hannover.de
Amadeu Antonio Stiftung_Down the rabbit hole_Cover

Amadeu Antonio Stiftung

Studie: "Down the rabbit hole"

Verschwörungsideologien: Basiswissen und Handlungsstrategien

  Jürgen Castendyk | 27.10.2021

Seit ihrer Gründung 1998 ist es das Ziel der Stiftung, „eine demokratische Zivilgesellschaft zu stärken, die sich konsequent gegen Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus wendet.“ Benannt wurde die Stiftung nach Amadeu Antonio, der 1990 von rechtsextremistischen Jugendlichen im brandenburgischen Eberswalde ins Koma geprügelt wurde, weil er Schwarz war. Er starb wenige Tage später und war eines der ersten Todesopfer rechter Gewalt im wiedervereinigten Deutschland.

Verschwörungserzählungen können zu radikalen Ideologien mutieren

Die vielfältigen Verschwörungserzählungen sind ein Schwerpunkt der Studie, die 2021 erschienen ist, Umfang 78 Seiten. Verschwörungserzählungen begegnen uns im Alltag in der Familie, am Arbeitsplatz, unter Freunden*innen und im Internet. Sie erscheinen zunächst harmlos. Diejenigen, die sie verbreiten, werden häufig als aus der Zeit gefallen eingeschätzt und nicht ganz für ernst genommen. Doch Verschwörungserzählungen haben das Potential für eine politische Radikalisierung. Das liegt an dem antidemokratischen und menschenfeindlichen Weltbild, das ihnen zu Grunde liegt. „Wenn aus einzelnen Erzählungen ein solches geschlossenes Weltbild geformt wird, sprechen wir von einer Verschwörungsideologie, definiert die Studie.“ Zentraler Bestandteil dieses Weltbildes ist ein Identitätsangebot. Die „Guten“, die verstanden haben, „was wirklich gespielt wird“, erheben sich gegen die „Bösen“, die die Welt beherrschen und allen schaden wollen. Diese Ideologie der „Guten“ kann sich durch bedrohliche Ereignisse radikalisieren. Ein Beispiel ist die Corona-Krise. Es entsteht aus Sicht der Verschwörungsideologen*innen eine angeblichen Notwehrsituation. Die "Guten" fühlen sich verpflichtet, mit allen notwendigen Mitteln gegen ihren angeblichen Feind zu kämpfen, bis hin zu Mord und Vernichtung. Formen des persönlichen Scheiterns, Unsicherheiten, gesellschaftliche Probleme werden allein der feindlichen Gruppe zugeschrieben. Dazu gehören Jüdinnen und Juden (jüdische Weltverschwörung), Einwanderer (Umvolkung), Milliardäre und Eliten aus der Wissenschaft, Wirtschaft und Politik. „Die Juden“ stehen als die Personifizierung für eine offene und plurale Gesellschaft, je nach Kontext, für all das, wovon sich die gewünschte deutsche „Volksgemeinschaft“ angegriffen fühlt. Hier drückt sich der Wunsch aus, vollkommen in einer völkischen Gemeinschaft aufzugehen, in der jeder seinen festen Platz hat und die homogen und frei von Widersprüchen ist.

geheimnis_stillschweigen_symbolbild
geheimnis_stillschweigen_symbolbild

Antisemitismus mit einer Täter-Opfer-Umkehrung

Verschwörungsideologen*innen halten sich häufig für Mitglieder eines betrogenen deutschen Volkes. Es besteht der präsente Wunsch, Opfer zu sein. Das kann bis zur Relativierung oder Leugnung des Holocaust führen. Perfiderweise wird dabei eine Täter-Opfer-Umkehrung vollzogen. Demzufolge würden die Deutschen seit über 100 Jahren durch jüdische Verschwörer*innen manipuliert, die nicht nur den Holocaust inszeniert oder die Opferzahlen manipuliert hätten, sondern auch noch davon profitieren würden... "Antisemitismus nicht trotz, sondern wegen Auschwitz,“ so beschreibt die Studie nüchtern das Unfassbare.

„Falschen Propheten*innen“ versprechen das Ende der Leiden

Große gesellschaftliche Umbrüche, die zu stetigen Veränderungen im Leben der Menschen führen, begünstigen nach der Studie die Verbreitung von Verschwörungserzählungen. In jüngster Zeit waren es die Folgen der deutsche Wiedervereinigung, die Terroranschläge vom 11. September in New York, die Zuwanderung von Flüchtlingen im Jahr 2015 und in den letzten beiden Jahren die Corona-Krise. Es kommt zu Verunsicherungen des eigenen Denkens und zu Abstiegsängsten. Sie sind aber auch Ausdruck eines großen Unbehagens, das die Gesellschaft durch ihren politischen und wirtschaftlichen Aufbau in den Menschen hervorbringt. Es bedarf aber Agitator*innen und „falschen Propheten*innen“, um Verschwörungsideologien bekannt zu machen. „Grundsätzlich geht es dabei darum, einer breiten Öffentlichkeit die eigenen Verschwörungsideologien zu präsentieren, darin bestimmte Gefühle und Beschwerden der Bevölkerung aufzugreifen und zu ordnen, um schließlich die eigene Gefolgschaft zu entsprechenden Handlungen zu motivieren,“ so steht es in der Studie. Das Internet erleichtert die Verbreitung von Verschwörungsideologien. In ihrer digitalen Agitation und Propaganda versprechen die „falschen Prophet*innen“ das Ende des Leidens auf der Welt und paradiesische Zustände, wenn nur die „Bösen“ endlich zur Rechenschaft gezogen würden.

Offizielle Erzählungen werden als falsch angesehen

Verschwörungserzählungen sind weiter verbreitet, als von vielen angenommen wird. In einem gesonderten Artikel in der Studie werden Zahlen von Umfrageergebnissen aus dem Jahr 2018 genannt. So glaubten „17% der Deutschen, dass die Wahrheit über Impfungen vor der Öffentlichkeit geheimgehalten wird; 24% denken, dass die CIA für den Mord an John F. Kennedy verantwortlich ist, und immer noch 7% äußern die Vermutung, dass der französische Geheimdienst den Terroranschlag auf das Satiremagazin Charly Hebdo zu verantwortet hat.“ Es hat sich dabei gezeigt, die Zustimmung zu einer bestimmten Verschwörungserzählung wirkt am glaubhaftesten, wenn andere Erzählungen in die gleiche Richtung gehen. Interessanterweise gibt es dabei verschiedene Erklärungsansätze, die sich logisch ausschließen. Dabei zeigt sich nach der Studie ein wichtiges Muster von Verschwörungsideolog*innen: Sie sind überzeugt, dass die „offizielle“ Erzählung falsch ist. Wie es sich aber in Wirklichkeit zugetragen hat, darüber sind sich wenige im Klaren.

Zur Psychologie der Verschwörungstheorien

„In der Psychologie wird mittlerweile diskutiert, ob der Glaube an Verschwörungsideologien nicht sogar evolutionär verankert ist.“ Die Studie läßt die Fragestellung offen. Man geht aber davon aus, dass der Glaube verschiedene Funktionen erfüllen kann. „Nach einem der prominentesten Erklärungsansätze stimmen Menschen insbesondere dann einer Verschwörungstheorie zu, wenn sie einen Kontrollverlust erfahren.“ Man ist nicht mehr Herr*in der Lage, kann also keinen Einfluss auf Ereignisse nehmen. Hintergründe können persönliche Schicksalsschläge sein, wie plötzliche Trennungen und Arbeitslosigkeit, oder auch gesellschaftliche Ereignisse, wie die Niederlage der gewählten Partei oder ein terroristischer Anschlag. „Insgesamt,“ so steht es in der Studie,“je mehr Kontrolle Menschen über ihr Leben besitzen, desto zufriedener, gesünder und stressfreier sind sie insgesamt.“ Bei Kontrollverlust versuchen Menschen, durch Verschwörungserzählungen Ordnung und Struktur wiederherzustellen, indem sie dort Muster erkennen, wo oftmals keine sind. Nach der Studie, haben Anhänger von solchen Erzählungen zumeist ein stärker ausgeprägtes Bedürfnis nach Einzigartigkeit. Sie allein sehen die Wahrheit, während die Masse blind den offiziellen Darstellungen folgt.

Konkrete Handlungsoptionen

Ausgerechnet dieses Kapitel ist das kürzeste in der Studie. Empfohlen werden satirische Beiträge, die verbreitete Verschwörungstheorien ad absurdum führen. Da Verschwörungsideolog*innen aber „keinen Humor haben“, wie es die Studie richtig einschätzt, erreicht man durch Satire diese Zielgruppe nicht.

Menschen mit geschlossenem Weltbild sollte kein öffentlicher Raum für ihr menschenfeindliches Weltbild eingeräumt werden. „Grundsätzlich gilt: Je öfter eine Verschwörungsideologie öffentlich Gehör findet, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass sie im Gedächtnis der Hörenden oder Lesenden hängen bleibt und als richtig abgespeichert wird.“ So steht es eindeutig in der Studie. Statt dessen wird das persönliche Gespräch vorgeschlagen. „Im persönlichen Gespräch,...lassen sich Menschen, die für Fragen und Widerspruch noch offen sind, häufiger auf eine tatsächliche Auseinandersetzung ein“, stellt die Studie fest. Eine weitere Option ist für die Studie das Debunking (Entlarven). „Eine Lüge oder falsche Information kann enttarnt und durch die Wahrheit bzw. richtige Information entlarvt werden.“ Das setzt allerdings fundierte Kenntnisse des entsprechenden Themengebietes voraus. Dabei sollten Menschen, die noch kein geschlossenes Weltbild haben, nicht ausgegrenzt werden. Die Politische Bildung wird in der Studie zuletzt kurz erwähnt, ohne für den Bereich konkrete Handlungsoptionen vorzustellen.

In der Studie fehlen empirische Daten über die ganz unterschiedlichen Gruppen innerhalb der Verschwörungsideologen*innen. Sie ist, trotz der Defizite bei den praktischen Handlungsstrategien, für Bildungsangebote gut geeignet. Die Studie ist verständlich und vermittelt ein strukturiertes Übersichtswissen.

Info: Die Studie kann als kostenlose PDF-Datei abgerufen werden bei: www.amadeu-antonio-stiftung.de

Welt-in-Hannover.de bedankt sich herzlich für die tolle Unterstützung bei den vielen ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern, sowie zahlreichen Organisationen und hofft auf weitere gute Zusammenarbeit.

Schirmherrin des Projekts Welt-in-Hannover.de ist Frau Doris Schröder-Köpf, Landesbeauftragte für Migration und Teilhabe.

kargah e. V. - Verein für interkulturelle Kommunikation, Migrations- und Flüchtlingsarbeit    Kulturzentrum Faust e. V.    Landeshauptstadt Hannover