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Meinungen

„Kommentar zu Gedanken zu Rassismus“

Ergänzende Gedanken zum Artikel "Niemand möchte seine Heimat ohne ernsthafte Gründe und nur aus Spaß verlassen." von M. Puya Eslami

  Nina Iacovozzi | 18.05.2021

Hier der Link zum Text von M. Puya Eslami.

Den dargestellten Zusammenhang zwischen materiellen Streben und Rassismus halte ich für einen interessanten Gedanken, doch nicht jeder Mensch in Deutschland ist reich. Viele führen ein normales Leben, aber sie sind erst einmal darauf angewiesen, für sich selbst zu sorgen, und das macht sie nicht automatisch zu Rassisten.

Damit kein Missverständnis entsteht: Ich möchte die Armut und die traumatischen Erfahrungen, die viele Flüchtlinge in ihrer Heimat gemacht haben, nicht herunterspielen, aber das bedeutet trotzdem nicht, dass soziale Gerechtigkeit in Deutschland oder anderen europäischen Ländern eine Selbstverständlichkeit ist.

Stichwort: Mangel an bezahlbaren Wohnungen, Immobilienkonzerne und ihre Profitgier. Für viele Menschen ist auch hierzulande ein sicheres und bezahlbares Dach über dem Kopf eben nicht mehr selbstverständlich. Wohnungsmangel ist ein Problem für alle und wenn die angehende Studentin aus Bremerhaven dem syrischen Flüchtling nicht den Vortritt lässt, weil sie erst einmal eine Bleibe für sich selbst sucht, ist die Ursache dafür nicht Rassismus, sondern die gesellschaftliche Verteilung von Vermögen. Wir brauchen alle ein Dach über dem Kopf, egal wo wir herkommen und was wir bisher für ein persönliches Schicksal hatten.

Ich bin selbst Tochter eines ehemaligen italienischen Gastarbeiters, und möchte das Thema Rassismus nicht herunterspielen. Aber dennoch fände ich es beispielsweise in puncto Wohnungsmarkt schwierig, sich in einer Art „Ausgleichsdenken“ zu bewegen, sprich, sich darauf zu konzentrieren, einen Ausgleich für diejenigen zu schaffen, denen es bisher in ihrer Heimat schlechter ging als den Menschen hier, und damit den berechtigten Wunsch nach einer gesicherten Existenz als Partikularinteresse von Einwanderern betrachten. Denn ein sicheres Dach über dem Kopf ist ein Grundbedürfnis, das wir mit allen anderen Menschen gemeinsam haben.

Es ist wichtig, sich darüber klar zu werden, denn nur so können wir als Gesamtgesellschaft für sozialen Frieden sorgen, uns für Gerechtigkeit einsetzen und so Rassismus konstruktiv vorbeugen. Und ich finde, dafür trägt in einer Demokratie auch jede und jeder von uns eine Mitverantwortung, unabhängig von der Herkunft. Wenn (Immobilien-)Konzerne so viel Macht über menschliche Einzelschicksale haben, liegt es daran, dass sie sich - im Gegensatz zum Rest der Gesellschaft - organisieren.

Und die - im LIP oft erwähnte - interkulturelle Gleichberechtigung sozialer Teilhabe heißt für mich, eben an genau solchen Stellen als politische Bürgerin stärker gesamtgesellschaftlich zu denken und zu handeln.

In einem Interview über Rassismus äußerte der Autor Max Czollek in Anlehnung an die Feministin Toni Morrison zwei interessante Aspekte:

„Eine der zentralen Funktionen von Rassismus ist Ablenkung.“ (Ablenkung von anderen gesellschaftlich relevanten Themen. Die Erzeugung von Randgruppen funktioniert auch darüber, dass sie immer wieder dieselben Fragen gestellt bekommen und immer wieder dieselben Dinge erklären müssen.)

Es geht nicht um Wohltätigkeit, es geht nicht darum (oder nicht nur) herzlich zu sein, einladend zu sein und ein bisschen weniger zu diskriminieren, sondern es geht um die Frage: "Wie kann diese plurale Demokratie sich so wehrhaft machen, dass sie überlebt?“

Welt-in-Hannover.de bedankt sich herzlich für die tolle Unterstützung bei den vielen ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern, sowie zahlreichen Organisationen und hofft auf weitere gute Zusammenarbeit.

Schirmherrin des Projekts Welt-in-Hannover.de ist Frau Doris Schröder-Köpf, Landesbeauftragte für Migration und Teilhabe.

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