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Vatikan Rom

Ein neues Decamerone ?

PHASE 3. DIE TRAURIGKEIT

  Daniela Lepri | 16.10.2020

Daß mir kein Trost die Martergluten wende,Das kannst du, Herr, nach dem ich ruf und schmachte, Am Klagelaut erkennen.

(Giovanni Boccaccio: Das Dekameron. Übers. Albert Wesselski. Bd.2. Leipzig:Insel, 1912, Seite 119)


Der Mann im Regen

Es regnet in Strömen in Rom. So wie es nur in Rom im Frühling regnen kann, wie aus allen Wolken, plötzlich, unerwartet. Ohne Wind und ohne Donner. Einfach nur Regen.

Ein alter Mann, alleine auf einem leeren Platz, läuft. Er ist wackelig auf den Beinen, seine Schritte sind bedacht und klein. Die Steinpflaster sind nass und rutschig. Er hat keinen Regenschirm. Trotzdem läuft er weiter, immer weiter.

Der Regen macht ihm nichts aus, er merkt ihn gar nicht, wie er auf seinen Schultern plätschert und seinen Nacken nass spritzt.

Seine Kopfbedeckung ist zu klein für seinen Kopf und die Haare, die herausragen, so spärlich, dass der Regen einfach an ihnen vorbei tropft.

Sein Ziel ist nicht weit, vielleicht ein paar hundert Meter und doch es ist ein langer Weg für ihn, bis dahin. Es geht leicht bergauf.

„Heute wollen meine Füße nicht. Doch ich darf nicht stehen bleiben. Nicht heute.

So viele Menschen sind gestorben. Viele sterben gerade, während ich hier laufe. Die meisten Toten sind so alt wie ich. Großeltern, die sich von ihren Enkelkindern nicht verabschieden können. Die allein im Krankenhaus verkommen, ohne den Trost einer streichelnden Hand, ohne einen letzten Blick in die Augen einer Tochter, eines Sohnes.“

Gleich sieht es so aus, als ob er kurz stehenbleiben würde.

„Wer weiß. In einem anderen Leben hätte ich auch gerne Kinder gehabt. Und Enkelkinder.„

Immer ein kleiner Schritt nach dem anderen, der Kopf leicht gesenkt. Er humpelt.

„Meine Füße. Ihr habt so kraftvoll den Ball getreten, damals als Kind, in den staubigen Höfen am Rande der Stadt! Ihr habt euch so gerne in den Jugendjahren auf dem polierten Parkett vom Takt der Musik leiten lassen! Jetzt seid ihr müde. Vielleicht seid ihr von zu vielem Teppichlaufen schwach geworden.“

Es ist schon dunkel, obwohl es noch zwei Stunden bis zur Dämmerung sind.

Er blickt kurz hinauf.

„Seit Wochen ist es so, als sei es permanent Abend. Wie Finsternis hat sich die Traurigkeit auf diesen Platz gelegt, den ich so gut kenne. Auf all die Straßen dieser ewigen Stadt sowie von jeder anderen auch.

Alles füllt sich mit dieser ohrenbetäubenden Stille und dieser trostlosen Leere, die alles lähmt: man merkt es an den Gesten der Leute, an ihren Blicken.“

Bald hat er sein Ziel erreicht. Sie warten schon. Er kann sie sehen.

„Diese Aktion, davon haben sie mir abgeraten. Das wollen sie nicht, es sei übertrieben. Ich mache immer so viele Sachen, die nicht angemessen sind. Warum glaubt man immer, mir sagen zu dürfen, was ich tun darf oder lieber lassen soll?

Nur das mit der sozialen Distanz, das ist richtig. Ich darf Niemanden umarmen, ich muss Abstand halten, selbst wenn es mir so schwerfällt. Ich bin schon immer ein herzlicher Mensch gewesen und die Leute und ihre Nähe brauche ich. Ich vermisse das so sehr.“

Der Kopf sinkt noch ein Stück tiefer und die Füße laufen weiter.

Plötzlich überkommt ihn eine tiefe Sehnsucht nach seinem weit entfernten Land.

Er muss an seine Mutter denken.

„Ich kann noch deine Stimme hören, wie du mich als Kind in den Schlaf gesungen hast: Arrorró mi niño / Arrorró mi sol /Arrorró pedazo / De mi corazón. Danach hast du mit dem Daumen das Kreuzzeichen auf meine Stirn gemacht.

Ich bin so ein alter Mann geworden, doch ich wünschte mir so sehr du könntest mir heute noch beistehen und mich segnen, mamá! Mir helfen, den Leuten zu helfen.“

Seine Schultern beugen sich unmerklich, durchnässt.

„Ich weiß, was ich zu tun habe. Die Leute erwarten es von mir. Aber es ist schwer, diesen weinenden Himmel zu tragen. Ich bin nur ein Mann im Regen.“

Er ist angekommen. Nur noch sieben Stufen zu bewältigen. Ihm wird geholfen, danach darf er sich hinsetzen. Dort ist es trocken.

_______

Als alles vorbei ist, fast eine Stunde später, ist es richtig dunkel geworden.

Der Mann hat keine Kopfbedeckung mehr. Er kommt aus der Kirche heraus, schaut auf den großen, leeren Platz vor ihm.

Als er in den Himmel blickt, stimmen sich die Glocken vom Petersdom und das Martin-Horn eines vorbeifahrenden Rettungswagens untereinander ab.

Und es regnet.

27.03.2020 - Rom, Petersplatz, Segen Urbi et Orbi

[Anm. d. Verf. Der Mann im Regen ist Papst Franziskus, Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche. Der Text wurde inspiriert vom Zuschauen des Segens Urbi et Orbi, gespendet vom Papst auf dem Petersplatz in Rom am 27.03.2020.]

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