Welt-in-Hannover.de Welt-in-Hannover.de Welt-in-Hannover.de Welt-in-Hannover.de
Kulturentwicklungsplan 2020 vorwärts nach weit_Cover

Bericht

Hannover will „vorwärts nach weit“: Der zukunftsweisende Kulturentwicklungsplan bis 2030 liegt vor

Im Juni dieses Jahres hat das Kulturdezernat den lange erwarteten Kulturentwicklungsplan (KEP) veröffentlicht. Er ist der „Fahrplan“ für die vorgeschlagene Entwicklung der Kultur bis in das Jahr 2030.

  Jürgen Castendyk | 28.07.2020

„Hannover will sich wandeln - zur internationalen Kulturmetropole“. So steht es im Begleitschreiben zum Kulturentwicklungsplan (KEP) von Oberbürgermeister Belit Onay und Konstanze Beckedorf, die in Vertretung das Kulturdezernat leitet. Ist das ein visionäres Ziel oder eine Überforderung der Akteure? Das Motto „vorwärts nach weit“ stammt von dem international anerkannten Merz-Künstler Kurt Schwitters. Nach dem bedeutendsten hannoverschen Künstler wurde keine Hauptstraße in Hannover benannt, sondern nur der unscheinbare Platz vor dem Sprengel-Museum. Der international weltbekannte Philosophin Hannah Arendt, am Lindener Markt geboren, erging es ähnlich. Nach ihr wurde nur ein hübscher Fuß- und Radweg an der Leine benannt - vom Landtag zum Sprengel-Museum.Typisch für den bisherigen Stellenwert der Kultur in der Landeshauptstadt?

Weltbühne Hannover?

Nun aber soll in Hannover alles anders und vor allem internationaler werden. Im Juni dieses Jahres hat das Kulturdezernat den lange erwarteten Kulturentwicklungsplan (KEP) veröffentlicht. Er ist der „Fahrplan“ für die vorgeschlagene Entwicklung der Kultur bis in das Jahr 2030. Der KEP hat einen Umfang von 159 Seiten. Die längeren Kapitel behandeln als Bestandsaufnahme das „Kulturprofil Hannover“. Ausgiebig werden vier Handlungsfelder zur Umsetzung des KEP vorgestellt mit „Ziele, Maßnahmen und Modellprojekte“. Die Handlungsfelder sind gegliedert nach folgenden Themen: “Ein starkes Fundament“, „Für Kultur als Möglichkeitsraum“, „Auf der Weltbühne Hannover“, „Im Mittelpunkt der Mensch.“

Der KEP ist zu detailreich, um in einem Bericht alle Profile, Handlungsziele und vorgeschlagenen Maßnahmen adäquat abzubilden. Es kann nur ein Überblick vermittelt werden. Dazu wurden viele Zitate ausgewählt, um dem „Orginal“ möglichst nahe zu kommen.

Kulturentwicklungsplan und Kulturhauptstadt

In der Einleitung zum KEP wird klargestellt: „Obwohl der Kulturentwicklungsplan eigenständig neben der Bewerbung zur Kulturhauptstadt entsteht, können Partizipation und Teilhabe, vernetztes Arbeiten, die kulturelle Entwicklung des öffentlichen Raums und die Internationalisierung der Kultur klar als gemeinsame Nenner identifiziert werden.“

„Kulturprofil Hannover“

Im diesem Kapitel werden alle relevanten Einrichtungen der Kultur kurz vorgestellt, einschließlich der sogenannten Freie Szene. „Migrantisch geprägtes Kulturleben“ ist ein Abschnitt, der die Kulturarbeit der Migrantenselbstorganisationen (MSO) stichwortartig vorstellt. Erwähnungen finden dabei unter anderem der Verband MiSO – Netzwerk e. V. mit 43 Migrant*innenselbstorganisationen als Mitgliedern.

„Kultur- und Kreativwirtschaft“

Laut einer Prognos - Studie aus dem Jahr 2014 haben über 19.000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte in diesem Bereich gearbeitet, insbesondere in der Musikwirtschaft. Das waren vier Prozent der Gesamtbeschäftigung. Im Jahr 2019 erwirtschafte die Kreativwirtschaft in der Region Hannover einen Gesamtumfang von 2,4 Mrd. Euro. Hervorgehoben wird: „Auffällig ist die im Bundesvergleich überdurchschnittliche hohe Gründungaktivität: Mittlerweile geschieht jede vierte Gründung innerhalb der Kultur- und Kreativwirtschaft. Damit besitzt die Branche in Hannover eine überdurchschnittliche Beschäftigungsbedeutung und kann mit den bundesweit führenden Orten München, Köln und Berlin mithalten.“ Besonders erwähnt werden im KEP dabei das Netzwerk Digitales Hannover und das kre/H/tiv Netzwerk, in denen insgesamt 300 Unternehmungen aktiv sind - das größte Netzwerk dieser Art in Deutschland.

„Methoden und Verfahren“

In diesem Kapitel „ wird der im Herbst 2018 begonnene und im März 2020 abgeschlossene Beteiligungsprozess nachgezeichnet. Im „kontinuierlichen Dialog zwischen Kulturverwaltung, den Kulturinstitutionen, Kulturschaffenden und der Kulturpolitik wurden gemeinsame Handlungsfelder und damit verbundene Zielsetzungen und Maßnahmen für die Kulturentwicklungsstrategie der Landeshauptstadt bis 2030 entwickelt.“

Die Handlungsfelder werden wie folgt benannt:

Kultur des Wandels_Bild 1
Kultur des Wandels_Bild 1

Handlungsfeld 1: "Ein starkes Fundament": Das System der institutionellen öffentlichen Förderung ausgewählter Institutionen und Träger*innen soll verbessert werden.

Abschnitt: „Förderstrukturen und Vergabeverfahren weiterentwickeln“:

„In allen Sparten werden verstärkt Förderungen (Projektförderung, Grundförderung, institutionelle Förderung) eingeführt und somit ein kontinuierlicheres künstlerisches, kulturelles und kreatives Arbeiten ermöglicht.“ Dabei soll die Freie Szene stärker gefördert werden, insbesondere durch angemessene Bezahlung von Künstler*innen und Kulturschaffenden. Besonders gefördert sollen auch Ateliers und Übungsräume. Als Interessenvertretung des Kulturbereiches soll ein „Rat der Künste“ gebildet werden.

Abschnitt: „Zusammenarbeit mit der Kultur-und Kreativwirtschaft und der lokalen Wirtschaft gestalten“:

„Der Standortfaktor Musikwirtschaft erfährt in den Entwicklungskonzepten der Landeshauptstadt größere Berücksichtigung. So soll u. a. das von der hannoverimpuls GmbH und kre/H/tiv entwickelte `Kommunikationskonzept zur Schaffung ökonomischer Synergien` umgesetzt werden. Des weiteren wird die Verwaltung einen Plan vorlegen zur Digitalisierung der Kultureinrichtungen. Ein neuer Fonds zur strukturellen Förderung von Innovationsentwicklungen in Betrieben der Kultur- und Kreativwirtschaft wird in Abstimmung mit der hannoverimpuls GmbH entwickelt. Der Fond soll sich aus kommunalen Mitteln und aus Mitteln der Wirtschaft speisen.“ Geplant ist für den Fachbereich Kultur der Stadt ein Pionierprojekt: „Digitale Kulturstadt“. Eine interaktive digitale Plattform soll eine Übersicht über die Kulturlandschaft bieten und „die Dimensionen Künstler*innen, Kulturakteur*innen, Kulturorte, Kulturprojekte und Veranstaltungen berücksichtigen.“

Kultur des Wandels_Bild 2
Kultur des Wandels_Bild 2

Handlungsfeld 2: „Für Kultur als Möglichkeitsraum“

Der öffentliche Raum als Erlebnis-, Erfahrungs- und Aktionsraum soll neu durchdacht werden. Angesichts der großen Herausforderungen im Bereich Klima- und Ressourcen-Schutz sollen „lost places“ als neue Kunst-und Kulturorte geschaffen werden, gestaltet von Kulturschaffenden im Zusammenspiel von Stadtgesellschaft und der Verwaltung. Hierzu soll eine interdisziplinäre Arbeitsgruppe gegründet werden.

Abschnitt: „Kultur im Stadtteil weiterdenken“

Die Wichtigkeit von Kultureinrichtungen in Stadtteilen wird heraus gestellt. Sie “... stehen für Vielfalt und leisten einen beachtlichen Beitrag, dass Menschen aller Generationen am kulturellen und gesellschaftlichen Leben teilhaben können.“ Angebote der zentralen Kulturinstitutionen sollen zukünftig auch in den Stadtteilen stattfinden, u. a. in Freizeitheimen. Aufgrund „baulicher Unzulänglichkeiten“ soll das Freizeitheim Döhren durch einen Neubau ersetzt werden.

Abschnitt: „Kunst im öffentlichen Raum bewahren und erneuern“

Kunst im öffentlichen Raum ...“trägt zur Lebendigkeit, Attraktivität und zum positiven Image einer Stadt bei.“ Deshalb sollen die Bereiche zwischen Sprengel Museum, Museum August Kestner und dem Niedersächsischem Landesmuseum zum Kulturareal Maschpark weiterentwickelt werden. Dort sollen temporäre Kunst- und Kulturaktionen stattfinden, an denen sich die drei Museen durch eigene Veranstaltungen beteiligen können. Durch die Initiative Kulturdreieck sollen die Staatsoper, Künstlerhaus (mit Kommunalem Kino, Literaturhaus und Kunstverein) und Schauspiel ihre Kooperation weiterentwickeln und dabei gesonderte, niederschwellige Angebote auf dem Opernplatz und dem Platz zwischen dem Künstlerhaus und dem Schauspiel anbieten.

Handlungsfeld 3: „Auf der Weltbühne Hannover“

In diesem Abschnitt werden die internationalen Kontakte genannt u. a. Hannover als UNESCO City of Music und die Kooperation mit sieben ausländischen Partnerstädten. Zusätzlich wird ausgeführt: „In der städtischen Kulturentwicklung sollen künftig Maßnahmen getroffen werden, um kulturelle Vielfalt sichtbarer werden zu lassen ..." und den Lokalen Integrationsplan der Stadt mit Leben zu erfüllen.

Abschnitt: „Hannover zur internationalen Kulturstadt machen.“

Zu den geplanten Maßnahmen gehört: „Bestehende und neu entstehende Kulturorte in kommunaler oder freier Trägerschaft, die internationale Kulturarbeit leisten oder leisten möchten, werden darin unterstützt, die wachsende kulturelle Vielfalt Hannovers in ihren Programmangebot abzubilden und auszubauen. So soll zum Beispiel in einem ersten Schritt die Mehrsprachigkeit in der Außenkommunikation des städtischen Kulturangebots ausgeweitet werden ... Bestehende und neu zu entwickelnde internationale, transkulturelle Orte in Hannover werden untereinander vernetzt und sichtbar gemacht. Dazu wird ein Forum der Kulturen auf- und das Webportal „Welt in Hannover“ weiter ausgebaut und in die Gesamtstrategie zur zukünftigen Kulturkommunikation integriert.“

Kultur des Wandels_Bild 3_Gemälde
Kultur des Wandels_Bild 3_Gemälde

Handlungsfeld 4: Im Mittelpunkt steht der Mensch

In diesem Kapitel steht die Kulturelle Bildung im Mittelpunkt. Dabei wird: „Die ressort- übergreifende Zusammenarbeit der Verwaltung und mit den Kulturschaffenden wird zur Regel erhoben.“

Die Handlungsfelder werden wie folgt benannt:

Abschnitt: „Beteiligung als Grundsatz definieren“

Inklusion, Diversität und Transkulturalität spielen in vielen Bereichen eine zu geringe Rolle. Dazu sollen Konzepte zur Erreichung spezifischer Zielgruppen entwickelt werden. Die Verzahnung von schulischer und außerschulischer kulturellen Bildung wird dabei angestrebt. „Die Bildung eines Netzwerks kulturelle Bildung soll als Modellprojekt zur Systematisierung und Professionalisierung der Angebote und Programme unterschiedlicher Akteur*innen, die bisher wenig aufeinander abgestimmt sind, auf städtischer, regionaler und Landesebene beitragen und dabei alle Zielgruppen in den Blick nehmen.“

Wie geht es weiter

„Der Kulturentwicklungsplan soll in Form einer rollenden Planung umgesetzt werden, sodass im 10-Jahres-Zeitraum kontinuierliche Anpassungen bei den Umsetzungsschritten vorgenommen werden können.Wie bei dem Entstehungsprozess soll Partizipation und die Einbindung der Kulturszene auch Grundlage bei der Umsetzung und Implementierung der Maßnahmen sein.“ Der erste Jahreskulturbericht ist für Sommer 2021 vorgesehen. Nach fünf Jahren soll eine ausführliche Halbzeitbilanz gezogen werden.

Kommentar

Der Kulturentwicklungsplan wurde am 15. April dieses Jahres vom Rat der Stadt beschlossen. Ein mutiger Schritt. Ist der Plan eine konkrete Utopie oder eine realitätsferne Überforderung der Möglichkeiten der Stadt? Von der Machbarkeit der Finanzierung ist jedenfalls nicht die Rede.

Das Besondere an dem Plan sind die vielen vorgeschlagenen Maßnahmen, um die hohen Ansprüche praktisch umzusetzen. Allerdings alles im Konjunktiv formuliert. Trotzdem ist der Kulturentwicklungsplan lesenswert und eine Muss-Lektüre für alle Kulturschaffenden.

Welt-in-Hannover.de bedankt sich herzlich für die tolle Unterstützung bei den vielen ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern, sowie zahlreichen Organisationen und hofft auf weitere gute Zusammenarbeit.

Schirmherrin des Projekts Welt-in-Hannover.de ist Frau Doris Schröder-Köpf, Landesbeauftragte für Migration und Teilhabe.

kargah e. V. - Verein für interkulturelle Kommunikation, Migrations- und Flüchtlingsarbeit    Kulturzentrum Faust e. V.    Landeshauptstadt Hannover