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Die Fettnäpfchen-Kolumne

Die Integrationslampe

Licht ist nicht gleich Licht - kulturelle Unterschiede in Bezug auf Beleuchtung

  Helga Barbara Gundlach | 20.02.2020

Frau W. hat Khaled bei sich zu Hause aufgenommen. Khaled kommt aus Syrien und ist sehr dankbar, dass er eine nette Gastgeberin gefunden hat und raus aus der Flüchtlingsunterkunft ist. Nur die Atmosphäre in dem Haus findet er befremdlich: alles so dunkel...

Eines Tages kommt Frau W. nach Hause und denkt, sie trifft der Schlag. „Jetzt ist es richtig hell!“ strahlt Khaled sie an. Er hat für sämtliche Lampen neue Glühbirnen besorgt.
Was war passiert?

Was für Khaled hell ist, ist für Frau W. kalt. Was für sie gemütlich warm ist, ist für ihn bedrückend dunkel. Hier zeigen sich kulturelle Unterschiede. Wer von klein auf Neonlicht gewohnt ist, wird dies als „normale“, „richtige“ Beleuchtung empfinden. Wer Neonlampen nur in Arbeitsbereichen kennt, wer mit den Eltern Zeit im Lampenladen verbrachte, in dem man nach langer Beratschlagung endlich eine passende „gemütliche“ Wohnzimmerlampe erstanden hat, wer kennt, dass Lampen zum Abend hin gerne gedimmt werden oder andere „sanfte“ Lampen angeknipst werden, wer feierlich um adventliche Kerzenbeleuchtung hockt - dem wird warmes Licht ein körperlich spürbares Bedürfnis sein. Aus dieser Perspektive werden die schlichten hellen Leuchtstoffröhren, die man in vielen Erdteilen (vom arabischen Raum bis Lateinamerika, von bis Asien bis Afrika) finden kann, aber auch bei vielen Zugewanderten hierzulande in deren Wohnungen, Geschäften oder Bars, als ungemütlich und billig empfunden. Wer neben kulturellen Gewohnheiten aus einer Region kommt, in dem (regelmäßig fließender) elektrischer Strom nicht oder noch nicht so lange zum Alltag gehört, kann häufig nicht verstehen, dass Menschen eines reichen Landes den Strom nicht durchgehend für helles Licht nutzen.
Was hätte anders laufen können?

Hätten Frau W. und Khaled über ihre Beleuchtungsbedürfnisse gesprochen, wäre es sicher nicht zu dieser von ihm gut gemeinten aber von ihr als völlig übergriffig empfundenen Glühbirnen-Austausch-Aktion gekommen. Doch es ist nachvollziehbar, dass die beiden in einer für sie beide neuen Situation so viel zu klären hatten, dass es kaum möglich war alles zu besprechen. Beide brauchten in der Situation also einfach gute Nerven, Humor und Wertschätzung des/der anderen, dass er/sie es nicht negativ meint.
Letztlich haben die beiden aus der Situation gelernt – ihnen ist wahrlich ein Licht aufgegangen. Und Frau W. erstand schließlich eine Lampe, die per Fernbedienung vom kalten zu warmen Licht veränderbar ist. Diese platzierten sie in der Küche, dem Ort, an dem sie am häufigsten zusammensaßen. Und Khaled erklärte: „Diese Lampe ist Integration!“.
Frau W. arbeitet für eine Bildungseinrichtung.

Welt-in-Hannover.de bedankt sich herzlich für die tolle Unterstützung bei den vielen ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern, sowie zahlreichen Organisationen und hofft auf weitere gute Zusammenarbeit.

Schirmherrin des Projekts Welt-in-Hannover.de ist Frau Doris Schröder-Köpf, Landesbeauftragte für Migration und Teilhabe.

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