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Die Freiheit Nessrin Amo

Zwischenruf

Ist die Ästhetik des Widerstands längst Geschichte?

Gespräche mit deutschen und geflüchteten Künstler*innen über politisches Engagement in der Kunst.
(Bild: "Die Freiheit" von Nessrin Ahmo)

  Jürgen Castendyk | 20.08.2019

Stellt man als Mitglied eines Kunstvereins bildenden Künstler*innen in Hannover im Gespräch die Frage, ob ihre Kunst einen politischen Anspruch hat, sind abwehrende Reflexe die Regel. Allein schon die Frage ruft Unverständnis hervor. Das Selbstverständnis der Künstler*innen widerspricht einer Vereinnahmung durch politische Einflüsse. Diese Abwehr ist auch dann zu spüren, wenn sie sich selbst dem progressiven linken Milieu zurechnen oder grüne Forderungen nach mehr Klimaschutz vorbehaltlos zustimmen.

Nie wieder werden wir uns politischen Vorgaben unterordnen.

Die Instrumentalisierung von Kunst durch den Faschismus und den realen Sozialismus wirkt unvermindert nach. Die Verbannung der sogenannten „entarteten Kunst“ durch die Nationalsozialisten ist eine der abschreckenden Erinnerungen. Ebenso der Druck des SED-Regimes auf Künstler*innen sich nach den Vorgaben des sozialistischen Realismus in ihrer Kunst auszudrücken. Nie wieder will man sich einer politischen Ideologie unterstellen. Nie wieder dürfen Formen der Zensur die Freiheit der Kreativität einschränken - oder sogar unmöglich machen.

Loneliness/ Zarah Hoo
"Loneliness" von Zarah Hoo
Loneliness/ Zarah Hoo
"Loneliness" von Zarah Hoo

Professionelle Kunst machen wir - die Amateure gestalten politische Kampagnen.

Stellt man die Frage: ist das Gemälde zur Vernichtung der Stadt Guernica von Pablo Picasso, die Todesfuge von Paul Celan und sind die antikapitalistischen Theaterstücke von Bertolt Brecht nicht politische Kunst mit einem Aufruf zum Widerstand? Die Antworten sind eindeutig: natürlich, keine Frage. Aber dann unterscheiden die Künstler*innen zwischen großer autonomer Kunst und politischer Aktionsgestaltung. Mitmarschieren bei Demonstrationen, ja, wenn Zeit dafür da ist, aber dafür künstlerisch arbeiten, nein danke. Symbole des Widerstandes entwickeln, Banner gestalten, sich an Performances beteiligen, das ist Aufgabe der Aktivisten. Wir sind die studierten und deshalb professionellen Künstler*innen und keine Amateure. Zeigen diese Einstellungen ein „falsches“ politisches Bewusstsein oder elitäre Ignoranz?

Was Kunst ist, bestimmt der Markt.

Es sind eher die Auswirkungen des herrschenden Marktes auf die Künstler*innen. Der Markt stellt Forderungen nach optimierter künstlerischer Individualität und steigert die Konkurrenz um Authentizität. Was Kunst ist, bestimmt der Markt. Die wohlhabenden Sammler*innen wollen sich durch Kunst zusätzliches Prestige erkaufen. Als Käufer akzeptieren sie keine politische Kunst die ihre Rolle bei gesellschaftlichen Fehlentwicklungen anprangert. Ausnahmen wie der chinesische Künstler Ai Weiwei, der die Menschenrechtsverletzungen in seinem Heimatland aufdeckt, widersprechen nicht den kommerziellen Voraussetzungen unter denen Künstler*innen arbeiten: Mehrwert für die Sammler und Gewinne für den Kunsthandel. Und die Museen? Sie haben nicht die finanziellen Mittel, um durch Ankäufe ein Gegengewicht zur Marktorientierung in der Kunst zu schaffen. Wenn sie mit Leihgaben überhaupt politisch engagierte Künstler*innen ausstellen, steigern sie ungewollt ihren Marktwert. Die Preise steigen, die die Museen bei Ankäufen dann erst recht nicht mehr bezahlen könnten.

Die Politisierung der Kunst ist eine aktuelle Gegenbewegung.

Die Proteste der Friedens- und Anti-Atombewegung haben die künstlerische Avantgarde in den 50ziger und 60ziger Jahren des letzten Jahrhunderts nicht wesentlich verändert. Die weltweite Studentenbewegung gegen den Vietnamkrieg dagegen schon. Sie führte zu einer Politisierung der populären Musik und Teilen der Literatur. Jahrzehnte nach Woodstock erhielt Bob Dylon für seine kritischen Texte den Literaturnobelpreis. Die vor kurzem verstorbene Afroamerikanerin Toni Morrison wurde für ihre Bücher gegen den Rassismus in den USA ebenfalls mit diesem Preis ausgezeichnet. Eine vergleichbare Anerkennung von Autorinnen die für die Rechte von Frauen kämpfen, steht noch aus. Eine Trendwende bei der bildenden Kunst ist in den letzten Jahren offensichtlich. Die letzte documenta und die beiden letzten Biennalen in Venedig zeigten vermehrt bisher wenig bekannte Künstler*innen aus Afrika und Asien. Sie durften die anhaltenden Probleme durch den Kolonialismus, die Ausbeutung ihrer Heimatstaaten und den weltweit steigenden Rassismus thematisierten - außerhalb des Kunsthandels.

Die Gewalt/Sorur Sahebi
"Die Gewalt" von Sorur Sahebi
Die Gewalt/Sorur Sahebi
"Die Gewalt" von Sorur Sahebi

Künstler*innen mit Migrationshintergrund vermeiden politische Aussagen.

Verfolgt man die Ausstellungen von Maler*innen und die Lesungen von Lyriker*innen mit Migrationshintergrund bei kargah e. V. so fällt auf, dass die Auseinandersetzung mit der politische und militärische Gewalt in ihren Heimatländern nur indirekt und nicht offensichtlich im Vordergrund ihrer Arbeit steht. Die Brutalität in Bürgerkriegen und die Unterdrückung von kritischer Kunst durch autoritäre Regime waren aber ihre Fluchtgründe. Spricht man arabische, kurdische oder iranische Künstler*innen auf diesen Widerspruch an, verweisen sie auf andere kulturelle Traditionen. Die Poesie als Ausdrucksform, die bildhaften Andeutungen durch traditionelle Symbole und Metaphern sollen erhalten bleiben. Sie vermitteln ein Gefühl von eigener kultureller Identität in einem fremden Kulturkreis. Ein weiterer Grund für die Zurückhaltung der geflüchteten Künstler*innen bei der Darstellung von erlebter Gewalt bei Flucht und Vertreibung wurde in Gesprächen vermieden, kann aber vermutet werden. Es ist die Angst vor einer ReTraumatisierung wenn Gewalterfahrungen deutlich thematisiert werden. Geflüchtete aus Kriegsgebieten benötigen oft viele Jahre, um ihre Erfahrungen zu verarbeiten. Während dieser Zeit möchten sie häufig nicht auf ihre Erlebnisse eingehen, sondern gestalten oft Sehnsüchte und Erinnerungen an ihre Heimat.

Die Freiheit der Kunst zu nutzen, ist noch nicht selbstverständlich.

Die Geflüchteten wollten in ein demokratisches Land, in dem die Freiheit der Kunst geschützt wird. Aber sind sie wirklich angekommen? Nutzen sie die neuen Freiheiten auch für die Gestaltung von kritischen Aussagen über die politische Situation in ihren Heimatländern - oder ihrer neuen Heimat Deutschland? Diese Fragen konnten in Gesprächen nicht geklärt werden. Stattdessen wurde mit den Künstler*innen über ihre Erwartungen diskutiert.
Das sind eigene Ausstellungen in Museen und Auftritte auf großen Bühnen. Bei der Frage, ob sie kulturelle Veranstaltungen besuchen, wurde auf Sprach- und Geldprobleme verwiesen. Dabei wurde ersichtlich, wie wenig sie sich mit den Realitäten der staatlichen und „freien“ Kunstszene, sowie der öffentlich geförderten Kunst beschäftigt hatten. Die real existierende Konkurrenz zwischen deutschen und geflüchteten Künstler*innen um Fördergelder war ihnen nicht ersichtlich.

Erstes Fazit: Gespräche zwischen deutschen und geflüchteten Künstler*innen sind wichtig, um Voraussetzungen für den Status als Selbständige erfahrbar zu machen. In Fortbildungen sollten professionelle Kuratoren*innen, Vertreter*innen von Kunststiftungen und dem Kulturbüro der Stadt Hannover aufzeigen, wie sich die Potentiale von geflüchteten Künstler*innen mit Migrationshintergrund auf realistische Weise entfalten können. Dabei müssen allerdings zuerst die Sprachprobleme überwunden werden.

Welt-in-Hannover.de bedankt sich herzlich für die tolle Unterstützung bei den vielen ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern, sowie zahlreichen Organisationen und hofft auf weitere gute Zusammenarbeit.

Schirmherrin des Projekts Welt-in-Hannover.de ist Frau Doris Schröder-Köpf, Landesbeauftragte für Migration und Teilhabe.

kargah e. V. - Verein für interkulturelle Kommunikation, Migrations- und Flüchtlingsarbeit    Kulturzentrum Faust e. V.    Landeshauptstadt Hannover