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flucht durch die zeit plakat

Weltflüchtlingstag

Flucht durch die Zeit

Das Auditorium war bunt und vielfältig am 20. Juni bei der spannenden Veranstaltung von kargah e.V. zum Weltflüchtlingstag mit Lesung, Musik, Kunstausstellung, Miniworkshops und leckerem Essen.

  Claudia Ermel | 21.06.2019

flucht durch die zeit 14
Gelegenheit für Gespräche mit Autorin und Geflüchteten
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Gelegenheit für Gespräche mit Autorin und Geflüchteten

Weltflüchtlingstag. Es gibt ihn schon seit Ende des Jahres 2000. Dieses Jahr veranstaltete kargah e.V. zum ersten Mal ein großes Fest zu diesem Anlass. Denn es ist Zeit, ein Zeichen zu setzen. Wie Asghar Eslami, der selbst Ende 1982 aus dem Iran geflüchtet war, in seiner Begrüßungsrede klar zum Ausdruck brachte, verändert sich gerade das politische Klima derart, dass Willkommenskulturwillige immer mehr alleingelassen werden. Dabei sei die ursprüngliche Einrichtung eines Weltflüchtlingstags durch die UN als Ausdruck der Solidarisierung mit den Vertriebenen gedacht gewesen (s.o. Link). Der Gründer des interkulturellen Vereins betonte, dass kargah e.V. sich hierzu auch politisch positionieren will. Deshalb forderte er alle Interessierten auf, später gemeinsam einen Forderungskatalog zum Weltflüchtlingstag zu formulieren.

Flucht in der Kunst

Als Auftakt der aktuellen Veranstaltung eröffneten Laura Heda und Kathrin Apelt den Abend mit der Ausstellung „In alle Richtungen“ des Künstlers Edin Bajric aus Bosnien, der sich seit Jahren immer wieder dem Thema Flucht widmet. Der persönlich anwesende Künstler, bekannt auch durch sein Projekt „Passport. Bitte!“, lebt nunmehr seit 25 Jahren in Hannover und hat die Themen Flucht und Ankommen auf viele unterschiedliche Arten verarbeitet. Auch zusammen mit Kindern habe er sich mit dem Thema "Flucht" beim Projekt Arche auf verschiedenste Weise beschäftigt, erzählte Edin im kurzen Interview den Besucher*innen von „Flucht durch die Zeit“. Die hier geborenen Kinder sollten darüber nachdenken, was sie auf einer Flucht unbedingt mitnehmen würden. Kathrin Apelt riet dem Publikum nach dem Gespräch mit Edin Bairic, sich die unterschiedlichen Werke des Künstlers, die ringsum an den Wänden hingen, ruhig ein wenig ausführlicher zu studieren, da vieles in den Bildern zu entdecken sei.

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Passport.Bitte! von Edin Bajric
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Passport.Bitte! von Edin Bajric

Fluchtgeschichten sind auch persönliche Schicksale

So schafften die Bilder einen passenden Rahmen für die anschließende Lesung, die inmitten der Kunstausstellung stattfand. Die Autorin und Biografin Mareile Seeber-Tegethoff las Textstellen aus vier Fluchtgeschichten vor, die sie aus langen Gesprächen mit insgesamt acht Geflüchteten in einem Buch zusammengefasst hat. In ihrem Werk Flüchtlingswege 1945-2015, aber auch in der aktuellen Lesung, porträtierte die Autorin Menschen aus völlig unterschiedlichen Herkunftsländern und Generationen, schilderte ihre Fluchterfahrungen und ließ sie selbst zu Wort kommen.

Ob Hans Goswin Clemen, der 1945 infolge des Zweiten Weltkriegs aus Westpommern vertrieben wurde oder Cong Trang Dinh, der 1979-1982 vor politischer Willkür und drohendem Kriegsdienst aus Vietnam geflohen war, Rosel Schultz , die 1957 wegen politischer Schikane und Unfreiheit aus der DDR flüchtete oder der Jeside Ahmad Khalaf aus dem Irak, der 2014-2015 vor dem IS floh, sie alle mussten ihre Heimat aus schwerwiegenden Gründen verlassen. Durch ihre Aufzeichnungen, aber auch durch die Auswahl beispielhafter Textstellen für diese Lesung zeichnete die Autorin ein facettenreiches Bild, was Flucht für Menschen bedeutet.

Neues Format als Ausdruck der Vielfalt

Wie auch zuvor der Künstler Edin Bajric, wurden die ebenfalls anwesenden vier Geflüchteten in kurzen Interviews zu ihrer Flucht und ihrer aktuellen Lebenssituation befragt. Denn es ging heute zwar um Flucht, aber auch um das Ankommen. Jede einzelne Person hat dazu wiederum ganz eigene Erfahrungen gemacht, doch immer spielte auch die Empathie der Mitmenschen eine große Rolle. "Man soll sich öffnen, dann wird man auch angenommen," meinte Cong Trang Dinh dazu. " Ich habe irgendwann gemerkt, Sprache ist wichtig. Ich hatte viel Motivation durch ehrenamtliche Helfer", erzählte Ahmad Khalaf. "Ich selbst hatte ja damals die deutsche Sprache als Brücke. Als ich 2015 zusammen mit 400 anderen Ehrenamtlichen beim DRK mitgeholfen habe, begeisterte mich die große Offenheit, die den Flüchtlingen entgegengebracht wurde," erzählte Rosel Schultz. "Wir müssen lernen, dass keiner Schuld oder Recht hat. Jedes Einzelschicksal ist schlimm," lautete das Fazit von Hans Goswin Clemen. Gemeinsam mit diesen vier Protagonist*innen aus "Flüchtlingswege 1945 - 2015" stellte sich die Autorin nach der Lesung auch den Fragen des Publikums.

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kargah-Mitarbeiter*innen moderierten gemeinsam die Veranstaltung
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kargah-Mitarbeiter*innen moderierten gemeinsam die Veranstaltung

Vorab befragten im Wechsel die kargah-Mitarbeiterinnen Irmak Kamali und Dina Cavcic die Hauptakteur*innen aus dem Buch. So entstand für das Publikum aus der Lesung und dem anschließenden Austausch mit den Protagonist*innen ein greifbares Bild der betroffenen Menschen. Denn, wie Mareile Seeber-Tegethoff betonte: „Es geht darum, jede Persönlichkeit als Mensch vorzustellen, nicht als Opfer. Eine persönliche Geschichte zu erzählen, ist viel besser, als lediglich über geschichtliche Geschehnisse zu berichten.“

Der Individualität der einzelnen Schicksale wurde durch die ständig wechselnden Konstellationen aus Interviewerin und Interviewten auf einer subtilen Ebene Rechnung getragen. Dem Publikum boten sich immer wieder neue Perspektiven, die zum Nachdenken anregten.

flucht durch die zeit 100
kleine Lockerungsübungen für das Publikum
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kleine Lockerungsübungen für das Publikum

Ankommen

Dass die vier Protagonist*innen aus "Flüchtlingswege 1945-2015" das Gefühl haben, angekommen zu sein, drückte sich in den vielen engagierten Aussagen der einzelnen aus. Cong Trang Dinh aber brachte es auf den Punkt: „Ich hatte Glück, ich lebe noch.“

Als kurze musikalische Zwischeneinlagen spielte der Musiker Ali Omar auf seiner Oud. Und zum Abschluss erwartete ein kleines Buffet alle Besucher*innen im kargah-Café. Wer noch bei den zwei Mini-Workshops mitmachen, oder sich mit den einzelnen Akteur*innen unterhalten wollte, konnte seine/ihre Eindrücke von „Flucht durch die Zeit“ noch vertiefen.

Das Format dieses abwechslungsreich gestalteten Abends wird bei den Besucher*innen die Erinnerung an einen gelungenen Abend hinterlassen, trotz oder auch gerade wegen des ernsten Themas. Zum Video

Infos zum Buch: ISBN 978-3-9818549-1-6 / 2. Auflage 2019, 248 Seiten 14,90 €

Die Veranstaltung fand statt in Kooperation mit dem Kulturbüro der Stadt Hannover/ Fachbereich Kultur

Welt-in-Hannover.de bedankt sich herzlich für die tolle Unterstützung bei den vielen ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern, sowie zahlreichen Organisationen und hofft auf weitere gute Zusammenarbeit.

Schirmherrin des Projekts Welt-in-Hannover.de ist Frau Doris Schröder-Köpf, Landesbeauftragte für Migration und Teilhabe.

kargah e. V. - Verein für interkulturelle Kommunikation, Migrations- und Flüchtlingsarbeit    Kulturzentrum Faust e. V.    Landeshauptstadt Hannover