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Matera

Kulturhauptstadt 2019

Italiens Matera

Matera di Sassi ist eine Höhlenstadt. Der Touristenmagnet diente als Kulisse für viele Filme. War die Stadt schon immer so und wie wurde sie zum UNESCO-Kulturerbe?

  Elena Roscoe | 06.08.2019

Matera 1
Blick auf die Altstadt
Matera 1
Blick auf die Altstadt

Als die Nachrichten über kulturelle Ereignisse in diesen Städten berichteten, erinnerte ich mich gleich an meinen Besuch in Matera.

Matera wurde 1993 von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt, da sie ein Beispiel für Evolution und Entwicklung ist, ohne ihre harmonische Verbindung mit der Umwelt zu verlieren.

Die öffentliche Meinung in Italien über Matera war zu unterschiedlichen Zeiten nicht immer gleich

Bis in die 50er Jahre des letzten Jahrhunderts wurde Matera als eine Schande für Italien gesehen.

Der Schriftsteller Guido Piovene nannte die Höhlen "Italiens erstaunlichstes Phänomen". Diese Höhlen bilden eine Stadt, die den "Charme von etwas Ungewöhnlichem" habe.

Der Arzt aus Turin, Carlo Levy, den das faschistische Regime Mussolinis in diesen Teil des Landes ins Exil schickte, war erstaunt über die Bedingungen, unter denen die Menschen in diesen Höhlen lebten. Die großen Familien wohnten alle zusammen in einer Höhle. Und wenn die Höhlen nicht groß genug waren, bauten die Leute die oberen Etagen dazu. 1945 erschien Levys autobiografischer Roman "Christus kam nur bis Eboli", in dem er sein Leben in Matera beschreibt, ohne fließendes Wasser, Abwasser, Heizung und Grundhygiene.

Das Erscheinen dieses Buches und die Verbreitung von Informationen zwangen die Stadtverwaltung von Matera, die Situation zu ändern. 15000 Höhlenbewohner wurden im Jahr 1952 in die Sozialwohnungen am Stadtrand zwangsumgesiedelt. So wurden ihre Verwandtschafts- und freundschaftlichen Bindungen, die Jahrzehnte bestanden, zerrissen. Viele Bewohner konnten sich nicht an die neuen Wohnungen gewöhnen und kehrten in ihre Höhlen zurück.

Gravinatal

Das Gravina-Flusstal. Hier nahm das alte Matera ihren Anfang.

Gravinatal

Das Gravina-Flusstal. Hier nahm das alte Matera ihren Anfang.

Häuser von oben in Matera
Häuser von oben in Matera

Aus der Geschichte der Stadt Sassi

Archäologen zufolge siedelten sich die Nomadenstämme vor mehreren Jahrtausenden in der Region an. Zahlreiche Naturhöhlen boten ihnen Schutz vor Wind und Regen sowie vor Räubern.

Seit dem frühen Mittelalter wurde hier ständig Kalkstein abgebaut, der für den Bau von Straßen, Plätzen und Häusern verwendet wurde. Bevor sie die Höhlen betraten, bauten die Bauern große Terrassen für den Gemüseanbau. Die Überreste dieser Terrassen sind noch heute zu sehen.

Beeindruckendes Wasserversorgungssystem in Sassi

Die Geschichte der Höhlen ist die Geschichte einer Gemeinschaft, die kämpfen und gleichzeitig in einer Symbiose mit Felsen und Wasser leben musste. Normalerweise gab es wenig Wasser, aber wenn es stark regnete, lief das Wasser den Berg herunter und zerstörte die von den Bauern angelegte Gemüsebeete auf den Terrassen. Dann installierten die Höhlenbewohner auf den Terrassen Wassertanks, in denen das Regenwasser durch die Wasserrinnen lief. Diese Tanks bildeten damals ein beeindruckendes Wassersystem. Während das Wasser von einem Tank zu dem anderem floss, ging es irgendwie durch den Destillations- und Reinigungsprozess. Oft wurden Aale in Tanks gezüchtet, um das Wasser zu reinigen. Irgendwann gelangte das Wasser in einen Brunnen, wo jeder das Wasser für seinen Haushalt holen konnte. Diese Brunnen sind heute noch in Sassi zu sehen. Es war auch ziemlich ungewöhnlich, da die ganze Gegend um Sassi eher sehr trocken war.

Knochen

Beim Bau wurden oftmals Naturmaterialien verwendet. Z. B. Tierknochen zur Stabilisierung der Abflussrohre. Knochen setzen keinen Rost an, sondern werden nur widerstandsfähiger unter der Einwirkung verschiedener Umwelteinflüsse.

Knochen

Beim Bau wurden oftmals Naturmaterialien verwendet. Z. B. Tierknochen zur Stabilisierung der Abflussrohre. Knochen setzen keinen Rost an, sondern werden nur widerstandsfähiger unter der Einwirkung verschiedener Umwelteinflüsse.

Wohnungen in den Felsen

Wenn man durch die Höhlenstadt läuft, fällt auf, dass sich die Wohnungen auf verschiedenen Ebenen befinden. Manchmal kann man bis zu zehn Ebenen von Wohnungen zählen. Heutzutage haben einige Wohnungen eine moderne Fassade, aber einmal über die Schwelle – sehen wir Wohnungen, die typisch für Sassi sind - große Höhlen mit vielen Zimmern: Schlafzimmer, Küchen, Wohnzimmer, Zimmer für Vieh, Werkzeuge. Die Tiefe der Höhlen erreicht manchmal bis 15 Meter.

Heute gibt es mehr als 3.000 Höhlenwohnungen in Sassi, sowie mehr als 162 Kirchen, die sich ebenfalls in den Felsen befinden. So ist die Kirche Madonna della Virtu, eine der vielen Kirchen, deren Einzigartigkeit in der sogenannten "negativen Architektur" liegt. Sie sind entstanden als Folge der Entfernung von überschüssiger Materie.

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Niedergang und Verwüstung

Jahrhundertelang existierte Sassi als ein gut funktionierender Mechanismus. Doch im 18. Jahrhundert änderte sich alles. Es gab neue Gebäude und Straßen, die das Wasserversorgungssystem zerstörten. Auch die Umleitung von verbrauchtem Wasser war ein Problem. Infolgedessen begannen sich Krankheiten auszubreiten. Veränderungen in der Wirtschaftsstruktur führten zur Armut der Bauernfamilien von Sassi.

Casa Grotta Matera
Heute sind viele der verschachtelten Höhlenkomplexe zu Museen geworden
Casa Grotta Matera
Heute sind viele der verschachtelten Höhlenkomplexe zu Museen geworden

Matera di Sassi in unserer Zeit

Nach der Vertreibung der Bewohner aus den Höhlen wurde Sassi eine Kulisse für viele Filme. Seit 1949 drehte man hier mehr als 38 Filme oder Fernsehserien (ganz oder teilweise). Mel Gibson filmte hier seinen berühmten Film "Die Passion Christi". Der Regisseur des Films, der für die Dreharbeiten passende Naturkulisse suchte, sagte über Matera: "Als ich sie das erste Mal sah, verlor ich meinen Kopf, weil es einfach perfekt war!"

In den 80er Jahren zog es die Bewohner der Stadt wieder in die Höhlen. Die Höhlen wurden repariert und später bewohnt. In einigen Höhlen sind zurzeit moderne 4- und 5-Sterne Hotels zu finden. Die italienische Regierung hat 30 Millionen Euro für den Wiederaufbau von Sassi bereitgestellt – für Kanalisation, fließendes Wasser, Heizung und vieles mehr. Die Zahl der Touristen nimmt vom Jahr zu Jahr zu.

Am 19. Januar 2019 erklärte der italienische Präsident Sergio Matarella Matera zur Kulturhauptstadt 2019. Die frühere ökologische Lebensweise der Menschen in Sassi hat letztendlich eine breite Anerkennung gefunden.

Welt-in-Hannover.de bedankt sich herzlich für die tolle Unterstützung bei den vielen ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern, sowie zahlreichen Organisationen und hofft auf weitere gute Zusammenarbeit.

Schirmherrin des Projekts Welt-in-Hannover.de ist Frau Doris Schröder-Köpf, Landesbeauftragte für Migration und Teilhabe.

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