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Literatur in Hannover

Erinnern und Vergessen - Judith Schalansky "Verzeichnis einiger Verluste"

In ihren Geschichten nähert sich die Autorin den geschichtlichen Leerstellen, die auf etwas verweisen, was prägend war, dessen Bedeutung aber entschwunden ist.

  Monika Singh | 28.01.2019

Erinnern und Vergessen - Judith Schalansky „Verzeichnis einiger Verluste“

In allen Gegensatzpaaren lauert die Zwiespältigkeit unserer Existenz, also auch in dem von Erinnern und Vergessen. Wieviel Vergessen ist sinnvoll, um einen gesellschaftlichen Organismus am Leben zu erhalten und wieviel Erinnern ist wichtig, um die Identität des Einzelnen zu bewahren? Lässt sich die Wiederholung von Fehlern überhaupt verhindern und wird nicht gerade durch die Endlichkeit der einzelnen Bewusstseine und der ganzer Generationen erworbenes Wissen wieder ausgelöscht?

Judith Schalsnski denkt ausgiebig über die unterschiedlichsten Facetten von Erinnern und Vergessen nach, sowohl die der persönlichen Biografie als auch der Geschichte der Gesellschaft, und stellt fest, dass auch diese „eine von unzähligen Arten darstellt, mit dem Tod umzugehen.“ Wir können den Paradoxien unserer Existenz nicht entrinnen, denn „am Leben zu sein bedeutet, Verluste zu erfahren.“

Als Schriftstellerin versucht sie, sich die Vergangenheit als Erfahrungsraum in einer Reihe von Geschichten zurückzuholen, um „Vergangenes zu vergegenwärtigen, Vergessenes zu beschwören, Verstummtes zu Wort kommen zu lassen und Versäumtes zu betrauern.“ Es ist ein literarischer Versuch, uns mit der Unvermeidlichkeit des Vergehens zu versöhnen.

Wie setzt sie ihr gestalterisches Können ein, um auch beim Leser diesen Zwiespalt zu erzeugen und Augenblicke des Wiedererkennens aufleuchten zu lassen? Schon die Gestaltung der schwarzen Buchseiten, die die Geschichten voneinander trennen, zieht die Aufmerksamkeit des Betrachters auf sich. Hält man die Seiten schräg, so tauchen aus filigranen Linien schemenhaft die verlorenen Gegenstände wie Abdrücke oder Hohlräume archäologischer Ausgrabungsarbeiten wieder auf. In zwölf Bildern und den dazugehörigen Geschichten nimmt sie uns auf Reisen in die Vergangenheit mit. Das "Verzeichnis einiger Verluste" bildet aus verstreuten Informationen logisch erscheinende Geschichten. Dabei wird mit unterschiedlichen Stilen und Erzählperspektiven gearbeitet. Für jede Geschichte kreiert sie eine andere Sprache. Autobiografische Erzählungen wechseln sich ab mit Abenteuergeschichten, historischen oder naturwissenschaftlichen Betrachtungen. Ihre Fundstücke reichen von einer untergegangenen Insel über eine ausgestorbene Tierart bis zu verschwundenen Gebäuden, Schriften, Weltanschauungen und Staaten.

Erkundung einer Topographie der Kindheit und anderer Phantasien

Geboren in Greifswald noch vor dem Fall der Mauer, erforscht Judith Schalansky in ihrer Geschichte „Das Schloss von der Behr“ ihre frühe Kindheit. In der Erinnerung erscheint alles märchenhaft. Das Kind fühlt vieles unverstellt, hat aber keine Begriffe, es zu benennen, geschweige denn zu verstehen. Die erwachsene Frau kehrt zurück an den Ort der ersten Erinnerungen und versucht, sie zu rekonstruieren, die eigene Wahrheit aus den fragmentierten Erinnerungen hervorzuholen, die sie wie eine Archäologien zu einem vagen Bild zusammensetzt und mit später aufgefundenen geschichtlichen Details verbindet. Mit der Erkundung der ersten biographischen Leerstellen wirft sie geschickt ein Licht auf das aus der offiziellen Geschichtsschreibung Getilgte. Die Eltern selbst haben ihre Vorfahren, ihre Herkunft vergessen. „Wir besitzen keine alten Dinge, keine Erbstücke,“ lässt sie den Vater sagen. Der Staat der Arbeiter und Bauern hatte alle Erblasten abgeschafft und stampfte mit seinen Plattenbauten eine geschichtslose, flache Architektur aus dem Boden.

In der Ich-Erzählung „Guerickes Einhorn“, die in den Walliser Alpen spielt, lässt sie sich von der verschwundenen Nachbildung eines Tierskeletts aus einzelnen Fundstücken, die im 17. Jahrhundert als die eines Einhorns interpretiet wurden, inspirieren. Sie fährt mit einer umfangreichen Materialsammlung in eine abgelegene Alpenhütte, um dort einen Naturführer der Monster zu verfassen. In diesen sieht sie „jene Ungeheuer, die die Welt (...)allen Widerlegungen ihrer Existenz zum Trotz, noch immer so selbstverständlich bevölkern, wie die Vertreter der realen Fauna.“ Auf ihren einsamen Wanderungen entdeckt sie ihre eigenen Reflexe und Ängste angesichts der Eigentümlichkeiten von Natur und Landschaft fernab der letzten Siedlungen. Was die Menchen schon immer in Bildern zu bannen versuchten, zeigt sich in den Ähnlichkeiten der Erzählungen verschiedener Epochen und Kulturen, jedoch sind die Phänomene heute genau so wenig fassbar und schon gar nicht vermessbar.

Wird das Buch als Medium überleben?

Es scheint das Schicksal von Büchern und Schriften zu sein, vernichtet, verloren, vergessen zu werden, aber auf der anderen Seite auch zu überdauern, wiedergefunden und rekonstruiert zu werden. Davon handelt die Geschichte „Die sieben Bücher des Mani“. Das manichäische Weltbild, das zeitweise im gesamten Mittelmeerraum verbreitet war und sich in der späten Antike zu einer Weltreligion auf drei Kontinenten ausbreitete, ist wieder untergegangen. Die Schriften ihres Urhebers Mani wurden vernichtet und verboten, die Anhänger des Glaubens verfolgt und ausgelöscht. Später wird ein Teil seiner Schriften, die auf Papyrus überlebt haben, rekonstruiert. Aus den heute zugänglichen Fragmenten webt Schalansky ihre Geschichte.

Die Theorien des wissenschaftlichen Zeitalters sind jedoch nicht weniger rätselhaft und phantastisch, vergleicht man sie mit den Anschauungen entfernter Zeitalter. Im 20. Jahrhundert entdeckt der Physiker Fritz Zwicky durch ein Spiegelteleskop eine entfernte Galaxie und leitet daraus die Erkenntnis ab, dass es eine unsichtbare dunkle Materie geben müsse, über die wir kaum etwas wissen.

Mit dem, was Schalansky während ihrer Recherchen an sonderbaren Fundstücken zu Tage fördert, macht sie dem Leser Lust, sich mit Geschichte und Naturgeschichte zu beschäftigen. Vielleicht regt sie ihn auch dazu an, seinen Blick auf die Gegenwart zu erweitern, der von der Verlockung geblendet wird, sie für die allein herrschende Realität zu halten.

Ihr Verzeichnis hat Ähnlichkeit mit einer Enzyklopädie diverser Orte und Gegenstände, die durch wissenschaftliche Fachausdrücke näher bezeichnet werden. Sowohl ihre Entstehung als auch ihr Verschwinden werden darin festgehalten. Die Definition verspricht Ordnung und Welterklärung. Durch ihre subjektive Verarbeitung in den sich anschließenden Geschichten wird die scheinbare Ordnung wieder ad absurdum geführt. Das Tröstliche daran ist jedoch, dass der Eindruck entsteht, dass nichts wirklich verloren ist, solange wir unsere Fantasie dazu nutzen, Geschichten zu erzählen.

Judith Schalansky: Verzeichnis einiger Verluste. Suhrkamp Verlag, Berlin 2018; 252 S., 24,– €, als E-Book 20,99 €

Biografisches

Judith Schalansky wurde 1980 in Greifswald geboren, studierte Kunstgeschichte und Kommunikationsdesign und lebt in Berlin.

Von ihr sind unter anderem folgende Werke erschienen:

„Atlas der abgelegenen Inseln“ (2009), der Roman "Der Hals der Giraffe" (2011) und insgesamt 36 Bücher in der Reihe "Naturkunden" mit ihr als Herausgeberin.

Bereits vor Erscheinen von "Verzeichnis einiger Verluste" wurde ihr sowohl der Irmtraud-Morgner- als auch der Wilhelm-Raabe-Literaturpreis zuerkannt.

Hier finden Sie den unseren Bericht zur Autorinnen-Lesung, die am 27.11.2018 im Künstlerhaus Hannover stattfand.

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