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Autorenlesung

Judith Schalansky, „Verzeichnis einiger Verluste“

Lesung im Künstlerhaus am 27.11.2018

  Monika Singh | 28.01.2019

Der Saal ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Die jugendliche 38erin betritt das Podium, sie hat einen Schal umgebunden und ein Taschentuch griffbereit, Erkältungswelle. Moderatorin Jutta Rinas leitet den Abend mit biografischen Bezügen zur Autorin ein. Aus einer der Ich-Erzählungen zieht sie ihre Vermutung, der Ursprung ihres Schreibens wurzele möglicherweise in dem Wunsch des Kindes, gesehen zu werden. Daraufhin entgegnet Schalansky salopp, es gehe hier nicht um Psychoanalyse, sondern um Literatur, die immer mehrdimensional sei.

Aus drei der zwölf Geschichten, die in ihrem Buch versammelt sind, liest die Autorin vor. Ihre Stimme gleitet schnell und leichtfüßig über den Text, die Worte fließen aus ihrem Mund, fast wie geflüstert. Die Zuhörer lauschen gespannt, hingezogen zu der konzentrierten Kraft, die Text und Stimme ausstrahlen.

Schalansky stammt aus Greifswald und hat lange in ostdeutschen Dörfern gelebt. In zwei ihrer Geschichten nähert sie sich den geschichtlichen Leerstellen, die auf etwas verweisen, was prägend war, dessen Bedeutung aber entschwunden ist. In der Ich-Erzählung über ein vierjähriges Mädchen tauchen Schloss, Kirche, Friedhof als Teile einer kindlichen Topographie wie Fremdkörper auf. Die ersten Erinnerungen eines Kindes, das in einer Gesellschaft aufwuchs, die Teile ihrer Vorgeschichte verleugnete.

Mit der Erzählung lockt uns die Autorin auf eine andere Spur. Noch während ihrer Kinheit verschwand die DDR, fast über Nacht fanden gewaltige Veränderungen statt. Das scheinbar Stabile und Gewohnte löste sich plötzlich auf und ein ganz anderes trat an seine Stelle. Orientierungslosigkeit wurde so zu einer frühen Grunderfahrung.

Eine andere Geschichte erzählt von einer ausgestorbenen Tigerart,dem kaspischen Tiger, und von Tierkämpfen in Arenen zur Zeit des römischen Herrschers Claudius. Schalansky hat sich gründlich mit der Materie beschäftigt, nach historischen Details geforscht, Quellen angezapft, auf youtube Tierkämpfe verfolgt und sich am Text abgearbeitet, um die passende Form zu finden. Der Sound des Textes ist ihr in Christa Wolfs „Casssandra“ begegnet, ihre archaische und trotzdem heutige Sprache, die hat sie im Ohr.

Sie arbeitet wie eine Bildhauerin, die die Gestalt, die sich schon in dem Stein verbirgt, herausschlägt. Das Sprachmaterial - sie schreibt und probiert nach jedem dritten Wort verschiedene Varianten aus - ordnet sich schließlich zu einem organisch fließenden Text.

Die vielfältigen Gestalten des Verlorenen

Insgesamt sind zwölf Geschichten über Verlorenes entstanden, jede umfasst exakt 16 Seiten. Darunter befinden sich eine Insel, Gebäude, Tierarten, Manuskripte, ein Film, eine Weltreligion und sogar ein ganzes Land. Warum genau diese Auswahl? Es sei die Dringlichkeit, mit der die Dinge zu ihr sprechen, sagt sie.

Noch während der Entstehung des Buches geschahen neue Verluste, wie der Brand der Nationalbiblithek in Brasilien, wobei unschätzbare Relikte der indigenen Kulturen zerstört worden sind. Leider habe sie darauf nicht mehr eingehen können, denn sonst wäre ihr Buch niemals fertig geworden.

Schalansky stellt sich die Frage nach dem Sinn des Vergessens, seiner reinigenden Kraft und der Krankhaftigkeit eines unermesslichen Gedächtnisses, das wenige Menschen besitzen, die sich bildhaft an alles erinnern können. Erst aus dem Vergessen entstehe die Erinnerung durch Auswahl und Verarbeitung, eine reine Anhäufung von Informationen sei hingegen wertlos.

Zentraler Ausgangspunkt ist für sie die Beschäftigung mit dem Tod und dem Schmerz des Verlustes. Im Erzählen von Geschichten umkreist sie die verschiedensten Leerstellen. Ein Trost läge sowohl im Erzählen als auch im Aufzählen, der Liste als literarischem Prinzip, sagt sie.

Auf die Frage, ob das Buch im Zuge der Digitalisierung verschwinden werde, weiß Judith Schalansky eine beruhigende Antwort zu geben. Hierzu ein Zitat aus ihrem Werk: Das Buch sei „ein konservatives Medium, das gerade durch die Abgeschlossenheit seines Körpers, in dem Text, Bild, Gestaltung vollkommen ineinander aufgehen, wie kein anderes die Welt zu ordnen, manchmal sogar zu ersetzen verspricht.“

Noch gebe es kein besseres Medium, sagt Schalansy, und die gut gefüllten Büchereien und Buchhandlungen bestätigen dies.

Judith Schalansky: Verzeichnis einiger Verluste. Suhrkamp Verlag, Berlin 2018; 252 S., 24,– €, als E-Book 20,99 €

Link zur Autorinnenseite beim Suhrkamp Verlag

Buchbesprechung unserer Autorin Monika Singh

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